Madagaskar
3 Wochen zwischen Lemuren, Vanille und Baobabs
Tag 1
Die Anreise nach Madagaskar beginnt für mich ab Frankfurt. Nach einer Anreise mit der Deutschen Bahn (verspätet, ich habe aber selbstverständlich damit kalkuliert) bin ich früh genug am Flughafen um zu beobachten, wie ein Mitarbeiter der Airline versucht, die Ordnungsbänder vor dem Check In in eine sinnvolle Spur zu bringen. Der Mann hat offenbar ein ähnliches räumliches Vorstellungsvermögen wie ich (nämlich ein schlechtes) und sorgt für die Belustigung zahlreicher Ethiopian Airlines Gäste. Nach der langsamsten Sicherheitskontrolle der Welt (aber auch der lustigsten) geht es dann nach Addis Abeba, dem Drehkreuz für Afrika-Ziele. Ich verbringe die Flugzeit ausschließlich mit Essen und Schlafen, die Malariaprophylaxe macht nämlich sehr müde. Morgens geht es dann von Addis Abeba nach Antananarivo, im Folgenden Tana genannt, weil ich nicht weiß, wie schnell meine Autokorrektur die unendlich langen madagassischen Wörter lernt... Die Ankunft dort ist mehr als reibungslos und sogar pünktlich, nach 20 Minuten bin ich mit Gepäck, Visum, SIM Karte und Bargeld versorgt.
Mein erster Eindruck von Madagaskar aus der Luft war: Erdig. Der zweite sagt: Grün. Auf der Fahrt zum Hotel kommt beides zusammen - die Straßen sind gesäumt von Reisfeldern und bunten Hütten. Überall sind Tiere (Rinder, Enten), bis die Stadt beginnt. Tana hat tagsüber über 4 Millionen Einwohner, nachts nur etwas mehr als 3 Millionen. Das Delta aus den beiden Zahlen pendelt täglich, weil die Stadt zu klein ist. Wir fahren durch die Rushhour und sehen eine Mischung aus Kolonialarchitektur und Gebäuden aus der Neuzeit, es scheint so, als wäre jede einzelne Straße ein wuseliger Markt für sich. Am Hotel angekommen wartet eine Horde geschäftstüchtiger Händler, die uns alles von Wandteppichen bis zu Haarspangen bieten. Ich lehne trotz Besitzes mehrerer Millionen madagassischer Ariary (1€ = knapp 5000 Ariary) ab und freue mich auf eine Dusche, bevor der Tag danach beim Abendessen ausklingt.
Tag 2
Nach dem Frühstück fahren wir in die Oberstadt von Tana (liegt auf einem Hügel), dort steht ein ehemaliger Königspalast (ist aber abgebrannt und neu aufgebaut worden). Die Namen sämtlicher Herrscher dieses Landes sind absolut unausstehlich, daher verzichte ich auf Details. Nur die "böse Königin" habe ich mir gemerkt. Tana ist bunt und quer über - und nebeneinander gebaut. Die Häuser haben maximal drei Stockwerke, eher zwei, und sehen winzig aus. Mag an der Größe der Menschen liegen. Nach einem Spaziergang und einem Supermarkt - Stop (Maniok Chips, ist bestimmt gesund) geht es los in Richtung Antsirabe. Die Fahrt dauert etwa 4 Stunden und führt durch tiefstes Ackerland. Die Hauptfarbe ist ein braunes Ocker, gepaart mit grünen Terrassen - Feldern und ebenfalls braunen Flüsschen. Die Landbevölkerung lebt in Häusern aus Lehm, ebenfalls nur maximal 3 Meter hoch. Es sieht aus, wie im Bilderbuch. Manche der Häuschen sind türkis gestrichen (Grüße an Katrin & Micha), was im Kontrast zum Ocker fantastisch aussieht. Andere erstrahlen in Pink oder Hellgrün. Ab und an grast ein Zebu (Bulle, Nutztier für alles) oder man sieht ein paar magere Hühner inmitten der Reisterrassen. Die Landschaft ist belebt, Familien waschen am Fluss, bunte Wäscheteile blitzen aus dem Braun hervor, andere arbeiten auf den Feldern oder formen Lehmziegel. Das Landleben ist pittoresk, aber auch bitterarm. Setzt man einen Fuß aus dem Auto, umringen einen Kinder mit allerhand Zeug in der Hand. In vielen Orten ist Markt und die Leute fahren mit Karren und Fahrrädern von Ort zu Ort, um Handel zu treiben und Freunde zu treffen, 90% der Ware wird auf dem Kopf transportiert (was würde ich für diese Koordination geben...). Dating ist hier einfach: Ledige Frauen und Männer tragen eine bestimmte Frisur um zu signalisieren, dass sie heiratswillig sind. Der vergebene Rest kann machen, was er will. Familien auf dem Land haben im Schnitt über 10 Kinder...
Die Besichtigung einer Aluminiumgießerei ist abenteuerlich und kostet mit Sicherheit ein paar Lebensjahre. Das Alu wird in Backsteinöfen geschmolzen und in Kochtopf Formen gegossen, ein Kochtopf wird etwa für 4€ verkauft. Die Luft flirrt vor Aluminiumpartikeln und Staub, natürlich trägt niemand eine Maske oder Handschuhe. Das Aluminium kommt aus Europa, von Motoren bis hin zu Kleinteilen liegt alles auf dem Hof verstreut. Später überholen wir einen Leichentransport (im Sarg auf dem Autodach) und kommen nach einem Obstkauf (Banane gut, Mandarine sauer) am frühen Abend in Antsirabe an. Morgen geht es aufs Land (noch mehr als heute), um dort bei einer Bauernfamilie zu übernachten und in echtes Dorfleben einzutauchen. Auf der Hotelterrasse fühlt man sich gerade wie auf einem Bauernhof: es kräht ein Hahn, es bellt ein Hund und eben hat glaube ich ein Esel geschnaubt...
Tag 3
Der besagte Hahn von gestern weckt mich (laut Zimmernachbarin hat er jede Stunde gekräht) in Kombination mit dem ebenfalls besagten Hund (ab 0600) und ich fange schon mal an, mein Gepäck zu sortieren, um nur das Nötigste zur Bauernfamilie mitzunehmen. Der Rest wird in einem Auto mitgenommen und mir dann morgen Abend wieder gebracht. Auf dem Weg nach Betafo besichtigen wir zwei Werkstätten für Kunsthandwerk, die Kunst aus alten Dosen (Souvenirs) und aus Zebu-Horn (Löffel, Schalen) machen. Betafo ist eine ländliche Kleinstadt und liegt inmitten von Grünen. Zebukarren fahren vor uns und wieder viele Menschen mit Lasten auf dem Kopf. Am Ortsrand endet die Fahrt und es geht zu Fuß weiter. Wir spazieren durch gefühlte 1000 Dörfer, in denen überall hervorragende Stimmung ist. Musik tönt aus den kleinen, malerischen Häuschen und alle winken. Die Gegend ist reich (Milchproduktion) und in 3 Stunden Wanderung versucht nicht ein mal, jemand zu betteln. Fahrräder mit Milchkanistern brettern über die erdigen Pisten und alle rufen uns ein strahlendes "Salama" (Hallo) zu. Der Guide gehört zu einer Initiative, die die Arbeit von Bauern koordiniert und fördert. Sie arbeiten als Kooperative zusammen und teilen die Erlöse auf. Wir als Touristen werden "Waza" (Weiße) genannt und alle wissen, dass unser Besuch der Region hilft.
Das Homestay der Initiative liegt malerisch an einem Hang und wir werden direkt verpflegt: Reis, das Grundnahrungsmittel der Madagassen, Gemüse aus der Region und Früchte zum Nachtisch. Nach dem Essen male ich auf dem Innenhof und bin nach 2 Sekunden von allen Kindern des Dorfes umringt, die den Pinsel keinen Moment aus den Augen lassen. Die Kinderschar plappert eine Mischung aus Malagassy und Französisch, sie geben Anweisungen zu bestimmten Farben und betrachten fachmännisch, wie ich ihr Zuhause male (zur Zufriedenheit aller). Nach mich die Kinder entlassen haben, spazieren wir noch zu der Schule der Kinder und zum nächsten Dorf. Auf dem Hauptplatz wird gerade das Einkommen aus Milch, Reis, Mais, Maniok aufgeteilt, das geht hier nach Familiengröße. Die Aufteilung übernehmen die Frauen und es bricht nach ein paar Minuten eine hitzige Diskussion los, die die Männer schlichten kommen. Bevor etwas ausartet, verschwinden wir schnell und schauen vom Hof aus den Sonnenuntergang an. Ich dusche mich rudimentär (heißt, ich kippe Wasser aus einer Kanne über mich) und in dem "Waschraum" neben mir singt der Chef des Homestays madagassische Duschlieder. Ich verzichte auf einen Kommentar und vergase uns beide fast mit meinem Mückenspray (merkt er aber nicht), bevor noch eine Runde vor dem Abendessen gelesen wird. Nach Suppe, Zebufleisch, Reis und Erbsen ist es schon dunkel und ich verschwinde in das angenehm harte Bett. Mein Rucksack heute war schwer und bei einer Runde Rücken dehnen denke ich an all die Male, die ich Mama auf Reisen dafür ausgelacht habe (tut mir leid, es tut wirklich gut, jetzt weiß ich es auch)!
Tag 4
Der Wecker klingelt um 06:30 Uhr, diesmal habe ich so fest geschlafen, dass mich keiner der zahlreichen Hähne der ebenfalls zahlreichen Dörfer wecken konnte. Es gibt ein landestypisches Frühstück, das besteht aus: frischem Mais-Bananenbrot, Früchten, süße Reissuppe, salzige Reissuppe mit Kräutern und Brot. Mein Favorit ist das noch warme Bananenbrot mit ein paar Stücken Ananas. Die Reissuppen muss man würzen oder süßen, damit sie genießbar sind. Dennoch ist es eine tolle Verwertung für den Reis vom Vortag. Um 8 geht es zurück in die Kleinstadt Betafo, wo das Auto wartet. Optimistisch wechsle ich von länger zu kurzer Hose (zu früh gefreut, auf der Fahrt nach Ambositra ist es regnerisch und bewölkt), trotzdem bleiben es etwa 15 Grad. Bis Ambositra fahren wir 4 Stunden, jeglicher Schlaf ist durch die Straßenbeschaffenheit aber unmöglich, wenn einem die Gesundheit des Nackens wichtig ist...
Ambositra ist die Stadt der Schnitzerei und Holzbearbeitung, den Menschen hier geht es auch recht gut. Unser Hotel ist voller Kunstwerke, zum Beispiel schaue ich gerade auf Gardinenstangen, an deren geschnitzten Enden zwei Lemuren sitzen. Ich schlendere mit Guide Hery durch die Stadt, wir schauen der Holzbearbeitung zu und bemerken zum Schluss laute Musik aus der Nähe einer Kirche. Neugierig stecken wir unsere Köpfe in den Innenhof und stehen plötzlich in einer Art Sonntagsparty. Ungefähr 200 bis 300 Madagassen sitzen in schicker Kleidung auf Tribünen und machen, umgangssprachlich gesagt, einfach Party (ohne Alkohol) und tanzen mit Kindern der Kirchengemeinde. Wir als "Waza" sind sofort gesichtet und die Hölle bricht los, wir müssen in die Mitte kommen und werden stolz präsentiert. Viele Kinder haben tatsächlich (schwer zu glauben aber ohne Smartphone möglich) noch nie Weiße gesehen und sind völlig außer sich. Der Rest freut sich einfach nur über Touristen und wir machen fleißig Fotos, nachdem wir einen Tanz auf der "Bühne" abgelehnt haben. Mir ist die verkehrte Welt bewusst. Ich denke an Zoos, in denen vor nicht allzu vielen Jahren noch "People of Color" vorgeführt wurden. Und jetzt, 2024, stehe ich vor ein paar Hundert Madagassen, die sich wünschen, dass die Waza vor ihren zu ihrer Musik tanzen. Verrückt. Wir schauen eine Weile dem Spektakel zu und hoffen, dass die Aufmerksamkeit nachlässt (tut sie nicht) und wir unauffällig irgendwann wieder von der Party wegkommen (tun wir, aber nicht unauffällig). Nach dem Nachmittag kaufen wir erst mal an einem Kiosk Getränke und ich teste meine ersten Malagassy-Sprach Erfahrungen an den Menschen auf der Straße. Resultat sind viele Selfies mit Menschen und eine Apfelschorle, deren Zuckergehalt mir einen Mittagsschlaf spart.
Zu Abend essen wir im Hotel, das Highlight ist der Lychee - Rum zum Nachtisch. Fast alle Restaurants haben hier einen individuellen Rumtopf (zum Beispiel mit Ananas, Honig, Banane, Reis oder auch Physalis). Nach 4 Kannen "Mahagaga"-Tee (Wunder-Tee) dachte der Kellner schon, wir seien krank oder verrückt und ist froh, als wir den Rum bestellen und nicht mehr alle Teekannen des Hotels okkupieren... Mittlerweile ist es sehr frisch und ich liege unter 3 Schichten pinker Bettwäsche. Gute Nacht!
Tag 5
Der Tag beginnt, wie soll es auch anders sein, mit einem Hahn. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass das Restaurant unter mir seine Müllcontainer zugeknallt hat, ich frage mich aber dennoch: woher kommen diese ganzen Hähne bitte?? Beim Frühstück entschädigt mich ein frischer Guavensaft, bevor es zu einer weiteren Holzwerkstatt geht. Hier zeigen uns die Männer, wie sie schnitzen und die unfassbar fragilen Intarsienarbeiten fertigen. Es gibt zwar viele verschiedene Holzarten (Ebenholz, Wurzeln, Palisander, Eukalyptus), dennoch wird das Holz für farbige Arbeiten gefärbt, indem es in den Schlamm im Reisfeld gelegt wird. Manche Holzarten werden dort rot, manche blau, manche grau. Unfassbar simpel und doch wirkungsvoll! Nach dem Stop geht es in Richtung Sahambavy, es liegen etwa 7 Stunden Fahrt vor mir. Die erste Hälfte ist rumpelig, für 90 Kilometer brauchen wir 4 Stunden. Immer wieder kommen "fliegende Händler" ans Auto und verkaufen Früchte, Eier und Brennholz. Ich erstehe für ungerecht etwa 20 Cent (!!!) eine riesige Schale voller frischer Physalis. Sie sind wesentlich kleiner als die, die wir vermutlich aus Dem Supermarkt oder vom Dessert im Restaurant kennen, aber doch sehr lecker. Der Physalis Strauch (falls er so heißt) wächst hier wild in der Natur. Mittags verspeise ich einen halben Meter Baguette mit Käse (Lunchpaket vom Hotel) und beobachte Bauern, die Maniokwurzeln ernten. Als ein Sammeltaxi (Taxi Brousse) vorbeifährt denke ich zuerst, dass irgendein Scherzkeks eine Hupe mit Entengeräusch eingebaut hat, denn es quakt auf der Straße. Bei nähere Blick sichte ich tatsächlich eine Ente im Korb auf dem Dach des Busses, die dort vor sich hin schimpft! Als wir uns Sahambavy nähern, fallen die Schienen des letzten verbliebenen Zuges Madagaskars auf, die sich durch Reisfelder, Dörfer und über sehr fragwürdige Brücken schlängeln. Morgen werden wir eine Etappe mit diesem Zug fahren (Abfahrt um 6, die Madagassen nutzen gefühlt jede Sekunde des Tages). Probleme mit dem Aufstehen werde ich sicher nicht haben, denn kurz nachdem ich mein Hotelzimmer betreten habe sehe ich im Garten einen altbekannten Freund um den Pool staksen: den Hahn. Ich gebe dem ganzen noch zwei Tage, bis wir im Dschungel sind. Ab dort wird die Präsenz seiner Artgenossen dann wirklich nicht mehr vertretbar!
Plötzlich singt jemand draußen vor den Zimmern und ich vermute schon eine andere Reisende, dann klopft es aber. Leicht perplex öffne ich einem Hotelangestellten, der mich auf den leichten Regen hinweist und mir fürsorglich extra für den Weg zum Essen einen Schirm bringt! Ich sage ja: niemand ist besser gelaunt als die Madagassen.
Zum Abendessen gibt es Ente mit Ingwer (vielleicht die vom Taxidach?) und natürlich einen Rum des Restaurants. Dieses Mal ist es eine Version mit Bissap, der hiesigen Version des Hibiskus. Da der Wecker morgen um halb 5 klingelt, geht es zeitig ins Bett.
Tag 6
Der Wecker kommt dem Hahn um 4 Uhr 30 zuvor und es geht direkt mit dem Auto zum nächsten Bahnhof. Ich dachte bisher, die Madagassen würden nur jede Sekunde des Tageslichtes arbeiten, aber weit gefehlt. Mitten in der Nacht sind ÜBERALL Leute unterwegs, die ihre Waren auf dem Kopf zum nächsten Markt tragen. Hery sagt, die meisten sind seit Mitternacht unterwegs. Teilweise legen sie 30 Kilometer und mehr zurück. Am Bahnhof angekommen kaufen wir uns brav ein Ticket für den eigenen Passagierwagen, den es gibt (alles natürlich "1. Klasse"). Der Wagen ist schon brechend voll und trotz "Tiere verboten" Schild riecht es, als wären ganz schön viele Tiere im Waggon. Hery ist schlau und wartet, bis eine Kontrolleurin sehr resolut Ordnung ins Chaos bringt, es gibt nämlich tatsächlich nummerierte Sitzplätze! Wir quetschen uns auf eine stark gefederte Bank und warten. Die Fenster sind vergilbt und grünlich, nur durch die obersten 20 Zentimeter kann man hinausschauen oder todesmutig seine Hand mit Handy durch den Spalt strecken. Irgendwann zwischen 7 und 8 fahren wir, angekündigt durch vielstimmiges Trillerpfeifen-Orchester, endlich los. Es ruckelt und wir kurven auf den alten französischen Schienen in Richtung Manakara (Westküste am Meer). Normalerweise würde der Zug durchfahren, da er aber vor ein paar Wochen entgleist ist, kann man die Strecke nicht komplett fahren. Der Ausblick durch die 20 Zentimeter entschädigt aber alles, auch wenn sämtliche Madagassen im Zug mich irritiert anstarren als ich aufstehe, um raus zu schauen. Der Zug fährt etwa 30 km/h und in den anderen Waggons befinden sich ausschließlich Güter und Gepäck. Bei jedem Halt stürmen Händler herbei, die kleine Gerichte in alten Plastik-Butterkartons (wie bei uns die Verpackung von Frischkäse, nur in größer), Muffins und Hühnchen verkaufen (durch den Fensterspalt). Ich widerstehe aus purer Vernunft und warte die Zufahrt ab, denn nach der Fahrt gibt es Frühstück. Die Madagassen sind sehr ruhig im Zug und man kann die Fahrt wirklich genießen!
An unserem Halt angekommen wühle ich mich nach draußen und suche Hery, der zum nächstmöglichen Frühstück führt. Es gibt heute die salzige Reissuppe mit Kräutern und Ingwer (SEHR lecker), bevor es mit dem Auto in Richtung Ranomofana ("Warmes Wasser") weitergeht. Unterwegs besichtigen wir eine Teeplantage und lernen, wie Schwarz- und Grüntee hergestellt werden. Die Plantage ist 500 Hektar groß und erstreckt sich über die angrenzenden Hügel. Unterwegs wandelt sich irgendwann die Landschaft und plötzlich sind wir im Dschungel. Alles ist neblig und überall ist Wald. Tiefe Täler werden von braunen, tosenden Flüssen durchschnitten und alles ist unfassbar grün! Bananenstauden, Lianen, Büsche, Blumen und Bäume wachsen in jeder Richtung, ab und an warnt ein Schild vor wilden Tieren. Madagaskar ist bekannt für die "Little 5", denn die bekannten Tiere sind eher klein. Am berühmtesten sind natürlich die Lemuren und Chamäleons, von denen wir in den nächsten Tagen hoffentlich viele sehen.
Das Hotel liegt malerisch am Fluss und ich stelle fest, dass mein Waschbeckenabfluss im Bad verstopft ist. Angestellter Nr. 1 widmet sich dem Problem, plötzlich pfeift er aus dem Bad. Ich überlege schon ernsthaft, ob er mich meint, bis plötzlich zwei weitere Angestellte um die Ecke eilen und die Ursache des Pfeifens suchen. Ich schicke sie pflichtbewusst in mein Zimmer, es folgen noch 3 Leute mehr, bis eine ganze Delegation dort werkelt und diskutiert. Ich beschließe, dem Ganzen einfach seinen Lauf zu lassen und warte auf der Terrasse. Nachdem alle verschwunden sind ist zwar immer noch etwas im Abfluss, ich habe aber kapituliert und gehe in die Stadt, um mir eine Ananas zu kaufen (hier ist endlich Ananas-Region)! Nach wenigen Metern werde ich fündig und erstehe für 2 Euro eine Ananas, die noch einen Meter entfernt duftet und eine Kokosnuss. Mit meinen Errungenschaften gehe ich zurück zum Hotel und verspeise beides auf der Terrasse. Im Schein meiner Stirnlampe zerlege ich fachmännisch mit dem guten alten Schweizer Taschenmesser die Ananas und hoffe, dass mich niemand sieht, während ich gierig vor mich hin schlürfe (es kommt jemand vorbei und starrt mich perplex an, vielleicht irritiert ihn aber auch nur die Stirnlampe?). Eine Ananas später fällt mir ein, dass es ja auch Abendessen gibt... Was man hat, hat man. Danach geht es auch schon ins Bett. Bisher keine Hahn-Sichtung, reicht aber auch, der Dschungel um mich herum macht genug Töne...
Tag 7
Offensichtlich ist der Dschungel hier tatsächlich Hahn-freie Zone, denn ich wache gesittet durch den Wecker auf. Zum Frühstück gibt es wieder die salzige Reissuppe und frische Ananas, bevor der Fahrer und in ein paar traditionelle Dörfer bringt. Wir haben mit dem Wechsel vom Hochland zum Dschungel nämlich das Stammesgebiet gewechselt und die Lebensart hier ist durchaus anders. Die Gegend gehört zu einem Stamm, der übersetzt so viel wie "Waldmenschen" heißt. Bevor es den Ranomafana Nationalpark gab, lebten sie dort, mit dem Schutz des Gebiete zogen sie um, haben aber stets freien Zutritt zum Park. Nur leben dürfen sie dort nicht mehr. Die traditionellen Lehmhäuser sind hier fast komplett verschwunden, die Menschen wohnen in Hütten aus Holz und Bambus, die Dächer bestehen aus getrockneten Strelizienblättern. Hier wächst alles, was das Herz begehrt: Ananas, Litschi, Jackfrucht, Bananen, Papaya, Mandarinen und Orangen. Daher sind die Menschen reich, denn der fruchtbare Boden schenkt ihnen das alles! Während ich die Menschen in den Flüssen waschen sehe frage ich mich, ob das Hotel die Wäsche, die ich heute morgen abgegeben habe, womöglich auch im Fluss wäscht und sehe im Geiste schon meine Unterwäsche mit einem Stich Rot von der Erde hier. Als wir aber ins Hotel zurückkommen, hängt alles feinsäuberlich auf links gedreht und in Originalfarbe auf dem Zaun (neben dem Fluss). Ich beäuge das Ganze ein bisschen, beschließe aber, diese Frage zu verdrängen und freue mich am Anblick von mehreren Reihe Unterwäsche auf den Büschen, die alle halbe Stunde gewissenhaft durch eine der Waschfrauen gewendet wird.
Auf der Terrasse verspeise ich den Rest der gestrigen Ananas. Den Strunk stelle ich in einem Anfall krimineller Energie in den Garten zu all den anderen Pflanzen, wo er sich hervorragend einfügt. Eine Mitreisende hat die Idee, ich könnte ja ein Schild dran stecken, so wie an den anderen Pflanzen. "Pinea Edita" ist ihr wissenschaftlich fundierte Vorschlag, ich entscheide mich aber zum Schluss für die diskrete "Abwarten und Schauen" Methode (bis jetzt steht er immer noch hier - fällt niemandem auf, nur den Ameisen).
Heute Nachmittag geht es in den Nationalpark, dafür werden wir von drei Rangern geführt. Circa zwei Stunden laufen und kriechen wir durchs Dickicht, dabei zeigen sich drei Arten an Lemuren und viele beeindruckende Pflanzen und Insekten. Die Lemuren sind in Gruppen unterwegs und sind nur am Morgen, in der Nacht und am Abend aktiv. Man sieht sie meistens zu zweit kuschelnd auf einem Ast, wenn sie nicht gerade grunzend Früchte verschlingen (und deren Reste auf uns herunterwerfen). Als es langsam dunkel wird, ist der Dschungel ebenso beeindruckend wie tagsüber. Nebel hängt über den Wäldern und am Himmel ballen sich zartrosane Wolken. Nun, da die Sonne bald weg ist, suchen wir Chamäleons. Im Licht der Taschenlampe zeigen sie sich besser als tagsüber und wir finden alle Größen - von 3 Zentimeter bis 30! Madagaskar weist hier allerdings noch viel mehr Vielfalt auf, es gibt sowohl noch kleinere Versionen, als auch weitaus größere Chamäleons. Man hört allerhand Tiere und die Luft ist so wunderbar frisch...
Nach dem Dschungel bin ich sowohl unfassbar schmutzig und auch sehr müde, nach einem Abendessen und einem Vanille - Rum geht es schnurstracks ins Bett, denn morgen steht eine größere Tour durch den Nationalpark an!
Tag 8
Zum Frühstück gibt es wie immer Reissuppe (heute eher Brei) und Früchte, bevor wir wieder in den Park fahren. Genau wie gestern bekommen wir einen Guide und zwei Fährtenleser zur Seite gestellt. Der Guide führt uns und die beiden anderen laufen etwa 500 Meter vor, um Tiere aufzuspüren. Direkt am Fluss geht es steil bergauf, man tut gut daran, auf den Weg zu achten, auch wenn die Versuchung natürlich groß ist, um einen herum nach Tieren zu suchen. Es ist feuchtwarm und überall sind Farben und Geräusche. Es dauert nicht lange, da werden die ersten Lemuren gesichtet. Ein Fährtenleser und ich schlagen uns durchs Dickicht, dass einem Hören und Sehen vergeht. Tiere beobachten ist hier harte Arbeit, denn man muss immer die Wege verlassen und das ohne Machete, ist ja immerhin Nationalpark! Lemuren leben in Gruppen und wenn man einen sieht, ist der Rest nicht weit weg. Die Guides beherrschen das Grunzen der Tiere rekordverdächtig gut und locken sie damit sogar an. Schmatzend sitzen die Lemuren irgendwo (immer am Essen) und lassen den Menschen unfassbar nah herankommen. Wir entdecken (also eigentlich die Guides) sogar eine Gruppe seltene Sifakas, die "tanzenden" Lemuren (weil sie so lustig springen). Pelzig hängen sie an Bäumen und Ästen, mit ihren kleinen Augen sehen sie furchtbar drollig aus. Die Hälfte von ihnen ist nachtaktiv, wir kriegen also nur ein paar Arten zu Gesicht. Ansonsten sehen wir hervorragend getarnte Stabheuschrecken (wie ein kleiner Ast), eine madagassische Familie mit Baby (wer geht bitte mit Babys in den Regenwald??) und zum Glück keine Spinnen. Nach vielen Stunden kommen ich völlig verschmutzt vom Unterholz zurück ins Hotel und betreibe erst mal Grundreinigung (und eliminiere so die Ameisenstraße durch mein Badezimmer). Die Waschfrauen haben wieder den ganzen Garten mit Wäsche behängt und ich verspeise zu Mittag wieder eine fantastische Ananas (noch eine neue Pflanze im Hotelgarten...).
Nachmittags steht eine Runde durch den Ort Ranomafana an, bei der ich die bekannten Thermalbäder zu Gesicht bekomme (20 Frauen und Kinder in einem 4x3 Meter Becken plus ein Pool und Einzelbadekabinen). Die Anlage ist sehr schön und gepflegt, viele Einheimische baden hier aufgrund der heilenden Wirkung (unüberriechbar: Schwefel) täglich. An der Brücke dort hin bieten Händler Snacks an und ich werde bei handgeschnitzten Haarnadeln schwach... Für umgerechnet 5 Euro gibt es den Frisur-Kurs gratis dazu (gut, dass meine Haare frisch gewaschen waren)! Zu Abend geht es in ein winzig kleines, familiengeführtes Restaurant. Man isst quasi auf der Terrasse der Familie, während direkt daneben deren Wohnzimmer (mit schlafenden Kindern) liegt. Das Essen dauert zwar sehr lange (mag daran liegen, dass die Kinder irgendwann nicht mehr geschlafen haben), ist aber fantastisch. Zum Nachtisch gibt es wie immer einen lokalen Rum, heute mit Vanille, bevor es ins Bett geht. Morgen steht dann wieder ein Ortswechsel zum nächsten Nationalpark an!
Tag 9
Heute schlafe ich ein bisschen aus, Frühstück gibt es erst um halb 9. Das hat den Vorteil, dass eine große Gruppe dann schon aus dem Hotel abgereist ist und unter den Kellnern nicht mehr die ultimative Verwirrung verbreitet. Gegen halb 9 verlassen wir den schönen Ranomafana Nationalpark wieder in Richtung Hochland. So schnell wie der Regenwald auf dem Hinweg erschienen ist, so schnell ist er wieder verschwunden. Im Hochland machen wir nochmal einen Stop in Fianarantsoa, da die Stadt einen geschützten alten Stadtkern hat. Auf dem Hügel der Oberstadt stand damals ein Palast aus Holz, wie der in Tana ist er aber abgebrannt. Der alte Stadtkern aus Ziegelhäusern ist von einer hohen Dichte an Kirchen geprägt, aus denen laute Gottesdienste tönen. Wir gehen einmal die alten Palastmauern ab und genießen das Panorama. Ich versuche vergeblich Geld abzuheben (falls jemand nach Madagaskar fliegt: Visa funktioniert nicht) und da es keine Wechselstuben im herkömmlichen Sinne gibt, ruft Hery "jemanden an, der kommt und wechselt". Die ominöse Person treffen wir in einem Restaurant zu Mittag, eigentlich ist es eine Sie und kein Er. Die Dame kommt mit einer Handtasche voller Wechselgeld und als ich Hery frage, was denn ihre Berufsbezeichnung ist, zuckt er nur mit den Schultern und antwortet "Small Business". Ich lache schaue dem Wechselprozess gut so und zähle ausnahmsweise sogar genau nach. Welches Smallbusiness es auch immer ist, es ist vermutlich abgesegnet, denn ihr Mann ist General bei der malagassischen Armee. Sie zeigt mit stolz Fotos, die ich lobend kommentiere, damit sie mir einen guten Kurs gibt. So souverän wie die Dame aufgetaucht ist, so souverän geht sie auch wieder. Den genauen Berufszweig werden wir wohl nie erfahren...
Nach Fianarantsoa und Reis (was sonst) zu Mittag geht es weiter zum Anja Nationalpark. Er ist eher klein, aber in vielerlei Hinsicht besonders. Wir befinden uns mittlerweile an den Füßen des Andringitra Gebirges und die Berge sind rundlich und steinig. Hier verwaltet ein Dorf selbst den Nationalpark, die Gewinne gehen auch direkt an die Menschen und nicht an eine Firma. Zudem leben hier die Maki Lemuren (die mit dem lustig gestreiften Schwanz). Wir klettern zum Sonnenuntergang auf einen großen Felsen uns beobachten von dort das Treiben im Wald zwischen den Felsbrocken und das goldene Licht, das wie Wasser über die Bergkuppen fließt. Die Makis machen ganz andere Töne als die Lemuren in Ranomofana, obwohl sie verwandt sind. Statt Grunzen ist es hier er ein Jaulen, während sie sich durch die Bäume schwingen. Funfact: Lemuren sind keine Affen und können sich mit ihrem Schwanz auch nicht festhalten. Er dient lediglich der Balance beim Springen.
Auf dem Rückweg wird es schon dunkel, das Rot der Berge leuchtet aber immer noch atemberaubend. An einer kleinen Seenlandschaft (Mücken Ahoi) finden wir noch eine Chamäleondame, die von einem Ast bereitwillig auf meine Hand klettert. Ihre Krallen sind Spitz und die Haut fühlt sich schuppig und kalt an, Chamäleons bewegen sich gefühlt so langsam wie Faultiere, sind aber unfassbar elegant!
Nach vielen Fotos und noch mehr Mückenstichen geht es zum Abendessen (heute Huhn, selbstverständlich mit Reis) und ins Hotel, denn morgen klingelt der Wecker wieder um sechs Uhr für die Weiterreise!
Tag 10
Nach den Frühstück besichtigen wir Papiermanufaktur in Ambalavao. Hier lebte einst ein Stamm, der von den Arabern lesen und schreiben gelernt hatte und so zur Papierherstellung kam. Die Rinde eines bestimmten Baumes (eher Busches) wird getrocknet und gekocht, bis sie weich ist. Dann schlagen Frauen sie mit Hämmern aus Stein zu Brei, bis die Masse faserig wird. Nun muss eine grammgenaue Kugel gerollt werden, die dann in 5 Liter Flüssigkeit aufgelöst wird, bevor der Rahmen gefüllt wird. Auf dünnem Baumwollstoff wird die Masse verteilt und gewässert, dann fließt das Wasser langsam ab. Der ausgestrichene Brei wird nun in Blätter geteilt und mit frischen Blüten und Blättern aus dem Garten von Hand dekoriert, bevor er ein paar Tage trocknet. Das Resultat sind so kunstvolle Bögen, dass ich mich hüten würde, je etwas darauf zu schreiben! Nach einem Einkauf im Shop stoppen wir noch bei einer Seidenwerkstatt. Ein Mädchen kocht die Kokons der Raupen aus, färbt sie und dreht sie per Hand (auf den Beinen) zu Garn, das dann im Hinterzimmer verwebt (verwoben?) wird. Nach der vielen Kunst steht der Weg in den Andringitra Nationalpark an. Er ist lang und beschwerlich, denn die Straße ist quasi nicht vorhanden. Das Highlight zwischendurch ist ein Zuckerrohrverkauf. Ich kenne Zuckerrohr bisher vorwiegend als Saft, hier kauen aber alle die Fasern. Hery hält an und besteht darauf, ein ganzes Rohr (etwa 2 Meter) zu kaufen. Ich frage mich ernsthaft, wie das ins Auto passen soll, die Frauen am Straßenrand hacken es aber. So schlürfe ich fast die gesamte Fahrt mein Zuckerrohr und muss mich danach erst mal mit diversen Tüchern säubern, denn die Prozedur ist eher schmutzig. Ich verstehe definitiv, warum das alle nur in der Natur "essen". Unterwegs überholen wir viele Menschen, die mit ihren Waren unterwegs sind. Hier fährt keiner mehr Fahrrad oder Karren, alles wird auf dem Kopf getragen. Objekte von Koffer (!) bis zu Rucksäcken und Körben werden elegant auf dem Kopf balanciert, es wackelt nicht mal ansatzweise! Alle winken fröhlich und die Kinder fordern Bonbons (die wir nicht haben). Nach vielen Stunden Geruckel kommen wir im Park an. Riesige Granitfelsen erheben sich rechts und links, sie sehen aus, als wären sie wirklich aus einem einzigen Stein gemacht und sind fast komplett glatt. Unser Camp liegt zu deren Füßen und überall turnen Katta-Lemuren herum. Ich frage mich ernsthaft, warum ich mich in Ranomofana tagelang durchs Unterholz gekämpft habe, wenn die Tiere hier einen halben Meter entfernt sitzen... Als ich im Zimmer kurz Aquarell male, bekomme ich auch direkt Besuch. Ein Lemur (oder eher die ganze Gruppe) hat die Banane auf meinem Tisch gerochen und klaut sie. Die restliche Gruppe von mindestens 10 Lemuren sitzt vor der Tür und noch ungefähr vier ungebetene Gäste spazieren in den Raum, um Essen zu suchen. Sie inspizieren ALLES und sind nur durch Streichel-Versuche zu vertreiben. Draußen bricht völliges Lemuren Chaos aus, als noch eine Banane auftaucht und grunzend kommt die ganze Meute um die Ecke. Sie springen an die Fenster, auf die Bäume, jagen sich und treiben allerlei Unsinn, während sich mein Fotospeicher langsam aber sicher füllt... Auch als ich alle Fenster und die Tür geschlossen habe, höre ich sie auf meinem Dach herumhüpfen. Wie bitte mag das sein, wenn man hier zeltet?
Der Sonnenuntergang taucht den Park in goldenes Licht und ich gehe noch eine Runde laufen. Man muss höllisch aufpassen, sich auf den Wegen nicht die Knöchel zu brechen, während man in alle Richtungen winkt und "Salama" ruft. Streckenweise laufen sogar ein paar Frauen mit mir, ohne die Lasten von ihrem Kopf zu nehmen. Jetzt kennt mich auf jeden Fall das ganze Dorf...
Die Lemuren jaulen und grunzen in den Bäumen und wir haben ein tolles Abendessen im Camp. Nun hoffe ich auf eine Nacht, ohne ungebetene pelzige Gäste (lüften wird wohl nicht möglich sein...)!
Tag 11
Nach nächtlichem Lemuren-Grunzen um meine Hütte startet der Tag früh, um so viel wie möglich vor der Mittagshitze zu wandern. Unser Guide ist diesmal weiblich, sie heißt Michelline und führt uns durch das schöne Tsaranoro Tal, benannt nach zwei Prinzessinnen (Tsara und Noro), die bei Unruhen zwischen dem Stamm der Betsileo und der Merina getötet wurden. Zuerst kommt ein heiliger Wald, in dem einst eine Opferstätte lag. Die Steine davon können wir noch sehen, sie gehörte zum Stamm der Betsileo, die hier ansässig sind. Sie sind traditionelle Reisbauern, während die angrenzenden Bara Viezüchter- und manchmal auch Viehdiebe sind. Um ihre Männlichkeit zu beweisen ist es Tradition, dass die jungen Männer Zebus stehlen. Auf einem Hügel führt Michelline, die auch zu den Betsileo gehört, uns zu einer Höhle, in der drei Skelette liegen. Das sind Bara, die für ihren Diebstahl von den Betsileo getötet wurden. Die offen zugängliche Grabstelle soll als Mahnmal dienen. Insgesamt gibt es 18 Stämme auf Madagaskar, die alle einer unterschiedlichen Arbeit (je nach Region) nachgehen. Wir wandern zu den Füßen der gigantischen Granitberge zu einer kleinen Quelle und durch so manche Dörfer, in denen alle Michelline kennen, trotzdem aber aufgeregt "Waza!" schreien. Mich als joggende Waza erkennen auch erschreckend viele wieder. Mittag machen wir an einem kleinen Wasserfall, nicht weit weg sind die Ruinen eines ehemaligen Camps und zahlreiche hübsche Chamäleons. Michelline ruft eine Warnung, damit sich alle badenden oder waschenen Frauen schnell anziehen können, bevor wir mit unserem Picknick auftauchen...
Zurück im Hotel wasche ich ein Waschbecken voll Wäsche und hoffe, dass die Lemuren weder meine Wäscheleine für einen Spielplatz, noch meine Wäsche für Spielzeug halten... Als ich mit meinen Sachen vor die Tür trete sitzen bestimmt 15 Lemuren da und starren mich an (heute keine Banane, Pech!). Entgegen meiner Vermutung sind sie auch nicht in die Hütte meiner Nachbarn eingebrochen, die ihre Bananen nicht zum Frühstück gegessen haben, sondern mit ins Zimmer genommen haben (ich habe ihnen aber Angst gemacht mit meiner These und sie haben sie eingewickelt)...
Den Sonnenuntergang genieße ich am Naturpool der Lodge und schaue dem roten Licht zu, wie es sich über die Berge senkt. Gegen 18 Uhr ist es hier schon stockdunkel und das große Anti Brumm sprühen beginnt. Zum Abendessen gibt es heute mal wieder Zebufleisch (mit Reis) und den allseits beliebten Litschi - Rumtopf, bevor wir morgen diesen tollen Ort schon wieder verlassen müssen.
Tag 12
Der Hahn weckt mich heute zeitgleich mit einem Lemur auf meinem Dach (hat sich so angehört, als wäre er in der Hütte, war ein schnelles Erwachen...) und ich kann das schöne Morgenlicht noch miterleben, bevor es Frühstück gibt. Gestern war hier Vatertag und das Personal der Lodge hat am Pool gefeiert, dementsprechend sehen sie auch aus. Der arme Mann, der um 7 Uhr fürs Frühstück zuständig ist, hat bestimmt eine Wette oder Schnick Schnack Schnuck verloren... Die planmäßige Abfahrt wird allerdings durch die Lemuren verzögert, die ganz wild auf die ersten Sonnenstrahlen sind und sich hierfür senkrecht aufsetzen, um sich die Sonne auf den pelzigen Bauch scheinen zu lassen. Wie in einem Yoga-Club (sieht wie Schneidersitz aus) sitzen sie reihenweise auf Mauern und Stühlen, die Augen genuss halb geschlossen. Als wir unsere Begeisterung dann wieder im Griff haben, verlassen wir das wunderschöne Tsaranoro Tal auf der holprigen Piste, auf der wir auch hinein gekommen sind. Als wieder Straße in Sicht ist, bin ich sehr erleichtert. Unterwegs haben zahlreiche Kinder entweder "Cadeaux" (Geschenke) oder "Bonbons" (selbsterklärend) gefordert und wir haben drei badende Frauen erschrecken (natürlich unabsichtlich). Die heutige Etappe führt uns vorbei am Bischofshut-Berg und über das karge Horombe Plateau. Es sieht aus, als würde hier absolut gar nichts wachsen, bei näherem Hinsehen erkennt man aber Maniok und Maispflanzen. Die Fahrt dauert lange, ich sitze am Fenster an der Sonnenseite und unter Garantie ist mein einer Arm jetzt brauner als der andere. Bei einem Einkaufsstop decken wir uns für die nächsten Wanderungen ein, der Supermarkt verkauft allerdings neben Chips und Schokolade ausschließlich Haushaltswaren (und Schuhe und Sonnenhüte und Rohrabdichtungen und Shampoo). Ich habe trotzdem Glück, denn eine der Verkäuferinnen kommt mit ein paar Ananas um die Ecke. Damit ist die Essensfrage für mich geklärt und es geht weiter zum Hotel nach Ranohira. Der Name bedeutet so viel wie "Wasser(stelle) der Lemuren" und liegt direkt neben dem berühmten Isalo Nationalpark, in dem wir die nächsten Tage verbringen werden. Nachmittags entspanne ich eine Runde am Pool, bevor die Mücken kommen und es Abendessen gibt. Man hört hier umfassbar viele Tiere, deren Töne ich aber kaum zuordnen kann. Könnte ein Lemur sein, aber auch ein Vogel, es ist ein einziges Pfeifen, Jaulen, Gackern (bei Hühnern bin ich mir sicher) und Grunzen. Ich bin gespannt, auf das dazugehörige Konzert morgen früh!
Tag 13
Der Tag beginnt mit einem ausgiebigen Frühstück in Ranohira. Das Hotel verausgabt sich mit Crepes, Crossaints, Omelett, Obstsalat und Saft, bevor wir in Richtung Isalo Nationalpark tuckern. Auf dem Weg halten wir bei der Parkverwaltung an und holen unseren Guide ab, denn auch hier ist Zutritt ohne einen Ranger nicht möglich. Der gute Mann heißt Omega (ja, wirklich) und erklärt uns, dass sein Name griechisch ist (seine Familie aber nicht). Omega redet sehr gerne und sehr viel, bereits auf der Fahrt zum Park gibt er ununterbrochen Infos weiter. Damit das nicht umsonst war, hier ein paar davon: der Isalo Nationalpark ist einer der bekanntesten auf Madagaskar, vor allem wegen des Isalo Sandsteingebirges, das sehr sehr alt ist. Hier leben einige spezielle Lemurenarten und auch ein paar Schlangen (Waldboa und Baumboa, sind aber wegen der Jahreszeit nicht aktiv). Es gibt zahlreiche Felsformationen, die wahlweise an Schildkröten, Krokodile oder Totenköpfe erinnern. Unsere Wanderung führt uns durch die Sandstein Canyons, in deren Wänden die Bara ihre Toten begraben. Sie durften früher auch hier im Park leben, bevor er geschützt wurde. Schätzungsweise 50.000 Gräber befinden sich demnach innerhalb des Geländes! Die Toten liegen unter Steinhaufen in Höhlen, nach einer gewissen Zeit werden sie, wie hier in Madagaskar üblich, umgebettet. Die Familie kommt dann, öffnet das Leichentuch wenn es noch da ist, reinigt die Knochen von Fleisch (!) und bettet diese in einer Box um. Diese "finalen" Gräber liegen teils in schwindelerregenden Höhen und sind nur durch Abseilen erreichbar. Auch hier gelten die, von Ort zu Ort unterschiedlichen, Regeln der Stämme, Fady genannt. Ein bekanntes Fady ist zum Beispiel, dass man hier im Park nicht mit dem Finger zeigen darf. Der Grund ist, dass ja überall Tote liegen könnten und man deswegen auch aus Versehen auf ein Grab (einen Toten) zeigen könnte. Es dürfen nicht mehrere Tote in einer Grotte liegen, auch wenn eine leer ist, "gehört" das Grab der Familie des Toten, der mal darin lag (alles sehr kompliziert).
Wir laufen weiter und klettern ein bisschen auf die Sandsteinformationen (Gräber überall), der Park ist im Gegensatz zum Regenwald sehr trocken. Nur in der Weite blitzt eine kleine Oase auf - unser Tagesziel. Dort liegt ein herrlich türkises, kleines Naturschwimmbecken inmitten von Palmen und Sand. Wir steigen ab und begutachten den kleinen Wasserfall, bevor es für mich dann selbstverständlich ins kühle Nass geht. Etwa so lange, bis eine madagassische Klasse von zukünftigen Touristen-Guides aufschlägt und (obwohl für Madagassen gerade Winter ist) baden geht. Hery hat sich übrigens sehr geziert und hat lediglich eine Schokoladentafel ins Wasser gehalten, um sie vom flüssigen in den festen Zustand zu bringen.
Der Rückweg geht durch die Mittagshitze auf dem Plateau, am frühen Nachmittag erreichen wir das Auto und wenig später das Hotel. Ich liege ungefähr 5 Sekunden im Bett, als draußen eine madagassische Band ihre Musikvideos dreht und alle für die nächsten Stunden wach hält (also kein Mittagsschlaf, auch gut, dafür eine Ananas zu Mittag). Der Nachmittag verläuft gediegen am Pool, bevor es am Abend zu einem Zebu Grillrestaurant geht. Es gibt Reis mit Gemüse und Zebu (die Essensschilderungen hier sind eintönig, ich weiß), zum Nachtisch einen Glas vom Rumtopf mit Mango, bevor es ins Bett geht.
Tag 14
Heute geht es ein zweites und letztes Mal in den Isalo Nationalpark, natürlich wieder mit Omega. Wir laufen eine Route, die durch mehrere tiefe Canyons zu zwei schönen Naturschwimmbecken führt. In diesem Teil des Parks leben die seltenen Kappen-Sifakas (weiße Lemuren mit braunem Kreis auf dem Kopf). Allerdings sind sie sehr, sehr scheu und man muss sie gezielt an ihren Lieblingsplätzen aufspüren. Unser Weg führt erst durch einen kleinen Wald, danach treffen wir auf das Wasser und klettern über Steine, Bäume und allerhand andere natürliche Hindernisse (und versuchen, nicht ins Wasser zu fallen). Unten im Canyon ist es sehr frisch, kaum kommt man zwei Meter höher, ist es sofort brütend heiß. Die Kletterer geht ein paar Kilometer inmitten von üppigem Grün und kristallklarem Wasser, bis wir auf zwei Naturschwimmbecken treffen. Eines ist das Piscine Bleue, das andere das Piscine Noir. Beide liegen noch im morgendlichen Schatten und sind tatsächlich blau und schwarz (und tief). Wir (oder eher ich) entscheide mich für das Schwarze und tauche ins kühle Nass unter einen kleinen Wasserfall. Das Wasser ist kälter als gestern, dafür ist das Becken aber größer und man kann richtig schwimmen. Sämtliche Guides, die andere Menschen führen, blicken mich zweifelnd vom Rand aus an und machen zahlreiche (schreckliche) Videos von der Bade-Waza. Nach der Abkühlung geht es steil bergauf, heraus aus dem Canyon zu einem Aussichtspunkt. Omega befindet nach gestern und heute Vormittag nun, dass ich in seinem Weltbild gut und trittsicher unterwegs bin und geht wilde Abkürzungen mit mir, die aber viel Spaß machen. Wir überholen zwei andere Teams und gelangen auf einen kleinen Gipfel, von dem man das Plateau mit seinen Schluchten überblicken kann. Auf dem Abstieg halten wir noch an einem anderen Wasserfall und sehen eine Braun-Lemur-Dame. Sie hat sich während der Schließung des Parks während Corona von ihrer Lemuren-Gruppe abgetrennt und lebt jetzt tatsächlich mit einer Gruppe Katta Lemuren, die sie akzeptieren. Dass sie zusammen auf einem Ast in der Sonne kuscheln, ist wohl der beste Beweis! Am nahegelegenen Campingplatz ist mittlerweile reges Treiben, die Guides sind nämlich geschäftstüchtig und machen Business. Sie haben nämlich herausgefunden, dass die meisten Hotels keine guten Lunchpakete machen. Deswegen machen sie jetzt eine Grillstation am Campingplatz auf und bewirten mit einem 3 Gänge Menü! Ich kann bei den Temperaturen definitiv keinen Zebu-Grillspieß verspeisen, Omega gönnt sich aber eine Schale Reis, während endlich die Kappen-Sifakas auftauchen und mich so lange ablenken, bis er fertig gegessen hat. Dann geht es zurück zum Auto und zur verdienten Dusche ins Hotel. Ich bin hungrig und schnorre in der Küche einen Joghurt, bevor ich mich an den Pool setze und eine Runde lese und male. Zu Abend gibt es ausnahmsweise Huhn (man glaubt es kaum). Morgen geht es weiter mit einer langen Fahrstrecke in eine andere Stadt, bevor der Strand-Teil der Reise beginnen kann!
Tag 15
Heute ist volles Programm angesagt. Um 8 checken wir aus dem Hotel aus und fahren in Richtung Ilakaka. Die Stadt war (und ist es immer noch) das El Dorado der Saphirjäger. Nachdem, so sagt man, zwei Jungen einst durch Zufall einen Stein fanden, schlugen hier Experten aus der ganzen Welt auf, um zu schürfen. Besonders Thailand und Sri Lanka riefen hier eine richtige Firmenstruktur ins Leben und beschäftigen bis heute viele Madagassen. Der Ort gruppiert sich um eine lange Hauptstraße und überall wird mit Edelsteinen gehandelt. Zum einen gibt es die Arbeiter, die die Erde zum Waschen an den Fluss bringen. Dann die Frauen, die am Straßenrand eifrig sortieren. Und dann die Ankäufer, die in so vergitterten Büros an der Straße warten, dass man meinen könnte, man ist im Gefängnis. Überall werden die "Gems" beworben, die Stadt ist noch immer im Saphir - Fieber. In einem Geschäft sehen wir, dass hier neben dem Saphir noch einige andere Steine gefunden und verarbeitet werden, selbstverständlich zu fragwürdigen Bedingungen. Jeder hofft, das große Glück zu machen und nicht zu wenige sterben in den Minen, wenn die Erde rutscht.
Wir fahren weiter zum letzten Nationalpark dieser Reise, dem Zombitse Park. Er ist ein eher ebener Wald, in dem es allerdings sehr seltene Arten gibt. Besonders den "Wiesel-Lemur", im Englischen "Sportive Lemur". Der Name ist nicht Programm, als wir einen sehen, denn sie sind nachtaktiv. Mit großen Augen sitzt der Lemur in einer Astgabel und sieht unfassbar süß und pelzig aus. Sie sind eher klein, können aber (nachts dann wohl) sehr schnell sein. Für Ornithologen (zum Glück keiner in der Nähe) ist die Vogelvielfalt auch ein Paradies. Während wir staunend zwei gigantische Baobabs umrunden (ca. 800 Jahre alt, siehe Foto), macht unser Guide die realistischsten Tiergeräusche, die ich je gehört habe. Er sucht Sifaka Lemuren und antwortet allerhand Vogelrufen, die dann wiederum sehr ausführlich antworten. Vorbei an Chamäleons, winzigen Orchideen und einer riesigen Spinne (...) geht es durch Gestrüpp. Überall gibt es etwas zu hören oder zu sehen (Sifakas aber heute nicht). Danach geht es auch schon weiter, denn wir haben heute noch viel Fahrt vor uns. Ziel ist das Meer, genauer gesagt die Küstenstadt Tuléar. Es geht über grauenvolle Straßen durch die Pampa und durch viele Dörfer, wir sind nun im Stammesgebiet der Mahafaly angekommen. Sie sind bekannt für eine besonders pompöse Begräbnis-Kultur, ihre Gräber sind riesig und gleichen Freilichtkunstwerken (eines sieht aus wie ein nachgebautes Schiff inklusive Kanonen). Wir fahren auch durch ein Dorf, in dem (illegal) Rum gebrannt wird. Man könnte meinen, dass das dann hinter verschlossenen Türen stattfände - weit gefehlt! Direkt neben der Straße köcheln ungefähr 50 Fässer und der Alkohol riecht Meilen gegen den Wind. Wir unterstützen die Renitenz der Mahafaly mit ein paar leeren Plastikflaschen (wohl zukünftige Rum Flaschen). Weiter geht es über holprigen Pisten, bis wir zum Sonnenuntergang Tuléar erreichen. Die Landschaft hat sich wieder komplett gewandelt, überall sind Palmen und Sand! Hier sind wir nun im Gebiet der Vezo, sie sind traditionell Fischer und leben in winzigen Holzhütten. Hery sieht ein "Zu verkaufen" Schild: etwa 30 Euro pro Hütte (falls jemand auswandern möchte). Durch Dünen und Dörfchen geht es zum Hotel, das inmitten von herrlich feinem Sand zwischen den besagten Dünen liegt. Endlich frischer Fisch zu Abend! Wir lassen es uns auf einer Terrasse mit Meerblick schmecken und ich schlafe mit dem Meeresrauschen ein.
Tag 16
Heute habe ich den gewissenhaften Plan, früh aufzustehen um den Sonnenaufgang über dem Meer zu beobachten. Leider lassen meine geographischen Kenntnisse mittlerweile zu wünschen übrig, denn als ich schlaftrunken am Vorhang vorbei spähe, sehe ich alles Mögliche, aber keine Sonne. Dann geht mir auf, dass es dann wohl die andere Richtung ist... ich mache aus der Not eine Tugend und lege mich nochmal hin. Vor dem Frühstück schaue ich zum Strand runter und werde prompt von dem einzelnen Madagassen, der auch um halb sieben morgens am Strand herumlungert, zu einer Bootsfahrt eingeladen. Ich muss aber um neun die Fähre in Tuléar besteigen und lehne daher dankend ab, danach geht es zum Frühstück. Die Spezialität auf dem Tisch ist Baobab-Honig, den einer der Kellner selbst herstellt (schmeckt fantastisch, wie unfassbar intensiver Waldhonig). Wenig später sitze ich im Auto zur Fähre. Der "Anakao Express" verkehrt zwischen Tuléar und Anakao, da es keine Straße gibt. Hier sei angemerkt, dass Anakao keinesfalls eine Insel ist! Auf dem Anakao Express bucht sich ein wild gemixtes Publikum ein, alles von Madagassen über uns Waza bis zu braungebrannt Surfer-Rentern. Aber am Anleger ist alles, nur kein Wasser. Es ist nämlich Ebbe und ein Traktor (!) muss uns auf einem Anhänger durch den Schlick und bis ins etwa 50 Zentimeter tiefe Wasser ziehen, wo die Boote warten. Es sind tatsächlich Schnellboote (ich bin erleichtert, alles andere hier sieht höchst bedenklich aus) und das Gepäck wird von Anhänger zu Boot gehievt. Neben uns treibt ein Mann seinen Zebu Karren - die Tiere stehen bis zur Brust im Wasser. Wir bekommen sogar Schwimmwesten und brettern wenig später durch die Lagune (schaut euch das ruhig auf Maps an, haben heute je gesehen, dass Geographie nicht mehr meine Stärke ist...). Nach einer Stunde Wellenhüpfen erreichen wir das Fischerdorf Anakao und ziehen zum Aussteigen die Schuhe aus, denn einen Steg gibt es nicht. Das Hotel liegt direkt am Strand und ist wunderschön. Kleine Hütten verstecken sich in den Dünen und paradiesisch feiner Sandstrand liegt vor uns. Auf dem kristallklaren Wetter hüpfen die Boote der Vezo und keine Wolke ist am Himmel zu sehen. Noch vor dem Mittagessen geht es ins Meer, hier wundert sich niemand mehr über die Bade Waza . Nun beginnt das süße Nichtstun. Ich lese ein Buch, sammle riesig große Muscheln und sonne mich ausgiebig (und lehne fragwürdige Massagen ab), bis die Sonne untergeht (über dem Meer!).
Zu Abend gibt es Thunfisch vom Grill und ich beschließe, hier nichts anderes mehr als Fisch zu essen. Ein paar Vezo machen am Feuer Musik und im Hintergrund rauscht das geliebte Meer, so klingt der Tag aus.
Tag 17
Heute heißt es ausschlafen, trotzdem bin ich schon um halb acht wach (ein sehr arbeitsfreundlicher Urlaub insgesamt) und begebe mich vor dem Frühstück noch auf Muschelsuche. Ein paar Kilometer laufe ich den Strand entlang und schaue, was das Meer heute Nacht so gebracht hat. Hier kommt erstaunlicherweise sehr wenig Müll an und sehr viele große Muscheln, ich habe glücklicherweise die große Strandtasche dabei! Die Bewohner Anakaos laufen zur Arbeit in die Hotels oder zu den Booten. Der Tourismus hier ist sehr angenehm, da er keine Scheinwelt ist. Das Dorf liegt keine 500 Meter vom Hotel weg und der Stadtstrand der Vezo grenzt ohne Mauern, Zäune oder Ketten an die Hotelstrände. Man kann in jede Richtung spazieren. Nach einem ausgiebigen Frühstück mit hausgemachter Ananas-Papaya-Vanille Marmelade (fantastisch!) schaue ich den Fischern zu, die ihre Boote fertig machen. Manche fahren nur Kanu, andere nutzen das Segel und eine Art Stütze aus Holz, die ein Kanu zum Mini-Katamaran machen. Weit und breit sind keine anderen Waza zu sehen, der Vorteil der Tatsache, dass der Juni auch hier keine Saison ist. Ich frage mich allerdings, wie man das hier im Sommer genießen will, wenn es 40 Grad hat... In meinem Weltbild ist der madagassische Winter eine perfekte Reisezeit. Dann geht es an den Strand, ich schwimme eine Runde und versuche, nicht aus Versehen zu nah an die Fischernetze der Vezo zu geraten (das Wasser ist zwar bei weitem nicht tief, aber trotzdem). Zu Mittag gibt es einen großen, gegrillten Fisch und die madagassische Version von Radler (THB Fresh - sehr gut!), danach geht das Entspannen weiter. Ich male ein bisschen vor den geöffneten Fenstern meiner Strandhütte und überlege, was ich mit meinen alten Bananen anfange. Hery hat gesagt, dass sich manchmal nachts ein paar Mausmakis in die Hütten schmuggeln (durchs Dach) und die lieben ja bekanntlich Banane. Ich finde den Gedanken nicht unattraktiv und lasse die Bananen in der Zimmerecke. Mal schauen....
Zum Sonnenuntergang lese ich am Strand, nachmittags ist ein leichter Wind aufgezogen und die Flut ist mittlerweile da. In der Dunkelheit scheint der Vollmond dramatisch durch die Wolken und begebe mich nach einer Runde Geld zählen (natürlich mit Taschenrechner) zur nächsten Fisch-Mahlzeit. Diesmal mit Schokoladenkuchen als Dessert. Das Hotel ist halb leer und ich genieße die Ruhe, nach über zwei Wochen Madagaskar habe ich ein Trauma von lauten französischen Reisegruppe (alle anderen Touristen hier waren bisher Franzosen, wenn man nach Gründen fragt, geben verstörend viele den Kolonialismus an...). Ansonsten lädt die Dunkelheit dazu ein, mit der Natur zu leben und einfach mal nichts zu tun, außer zu lauschen und zu schlafen. Denke ich zumindest, bis motiviert eine riesige Heuschrecke in meine Hütte springt, als ich hineingehe. Ich hoffe, sie geht dort hinaus, wo potentielle Mausmakis hereinkommen...
Tag 18
Dem biologischen Wecker geht es offenbar hervorragend, denn ich wache so wie gestern auf den Punkt um halb acht auf. Allerdings nach einer nächtlichen Heuschreckenjagd (sie ist nicht von alleine hinausgehüpft. Andere Reisende haben meine Methode allerdings als rabiat bezeichnet, daher bleibt sie natürlich geheim. Die Heuschrecke lebt aber natürlich noch ...). Die Gunst der Stunde nutze ich, um vor dem Frühstück schon mal eine Runde zu schwimmen, bevor mir die leckere Marmelade hier irgendwann zum Verhängnis wird. Wie gestern gibt es alles von Crossaints über Omelett bis hin zu Früchten. Nachdem ich auch noch ein übriges Crossaint abgestaubt habe (man weiß nie, wann der Hunger kommt!) gehe ich zur Rezeption und leihe mir ein Kajak für hervorragende 3€ (am Tag!). Mit einem rustikalen Holzpaddel paddele ich die Küste entlang und navigiere mich zwischen den Fischerbooten hindurch in Richtung Landzunge. Am Ort Anakao vorbei geht es durch das seichte Wasser, die Küste ist wirklich kaum bebaut und ich muss mein Gehirn ständig daran erinnern, dass wir hier nicht auf einer Insel sind. Die Vezo sind von meinem Anblick glaube ich etwas irritiert. Das kann daran liegen, dass ich meinen wasserfesten Packsack mit meiner Wäscheleine an mir (um die Hüfte) festgebunden habe (man will ja nichts verlieren und am Boot gab es keine Öse). Mit zahlreichen Schwielen und Blasen an den Händen (Holzpaddel macht wirklich einen Unterschied) fahre ich zurück und komme sogar rechtzeitig für ein kleines Mittagessen an. Danach wasche ich das Salzwasser aus meinen Sachen, denn morgen muss alles trocken und fertig für den Koffer werden. Den Mittag über lese und male ich, zu Sonnenuntergang erwachen wieder die Lebensgeister. In der Flut schwimme ich eine letzte Runde im warmen Meer und schaffe es sogar zurück zur Hütte, in die Dusche und in trockene Kleidung, bevor ich gerade rechtzeitig zurück zum Strand komme, um die Sonne im Meer versinken zu sehen. Zum Abendessen gibt es Crevetten in Kokosmilch, ein würdiger Abschied hier aus dem "Inselparadies". Ich begleiche meine Rechnung (3 Tage, 3 Mahlzeiten am Tag für 30€ insgesamt, für madagassische Verhältnisse teuer, für mich fantastisch) und verabschiede mich von Hery, der morgen in eine andere Richtung weiterfahren wird als ich. Zurück an der Hütte springe ich schnell hinein und knalle die Tür zu, damit dieses Mal keine Tiere mit hinein springen/ hüpfen/ was auch immer (hoffentlich hat mich niemand gesehen...). Das Kajakfahren hat müde gemacht und es geht früh ins Bett.
Tag 19
Der Wecker klingelt um sechs, denn der berühmt berüchtigte Ananako Express fährt schon um halb acht wieder in Richtung Tuléar, von dort geht heute unser Inlandsflug nach Tana zurück. Allerdings weiß keiner so wirklich wann. Hery telefoniert seit gestern (Sonntag!) sämtliche Kontakte ab, denn Flugzeiten sind hier eine volatile Angelegenheit. Ob der Flug um sieben, zwölf oder um drei geht, muss man schön selbst herausfinden, denn die Daten im Internet werden gerne mal übergangen. Als wir nach dem Frühstück das Schnellboot besteigen, telefoniert Hery schon wieder, bisher sieht es nach Abflug um drei aus. Die Fahrt übers Meer ist aus zwei Gründen abenteuerlicher als die Hinfahrt. Erstens ist noch Flut. Zweitens ins es sehr windig. Das macht die Stunde Bootsfahrt zu einer Art Achterbahnfahrt auf dem Meer und ich habe den Spaß meines Lebens, als wir über die Wellen springen. Danach bin ich auch viel weniger nass als erwartet, als uns in Tuléar der gute alte Traktor wieder an Land bringt. Das Wasser reicht jetzt zwar bis zum Anleger, ist aber maximal einen halben Meter tief. Tina wartet schon auf uns und wir tuckern noch eine Runde zum Reniala ("Mutter des Waldes") Nationalpark. Hier steht inmitten eines Trockenwaldes einer der ältesten Baobabs des Landes, der ist über 1000 Jahre alt und misst über 12 Meter Umfang (das ist der "Mutter"-Baobab). Zum Vergleich: Ein fünf Jahre älter Baobab sieht in etwa aus, als hätte man ein dünnes Stöckchen in den Sand gesteckt. Neben zahlreichen Baobabs mit Namen wie "Müder Baobab" (schief), "Christmas Tree Baobab" (Astform ähnlich wie Tanne) oder dem "Teapot Baobab" (sieht aus wie eine Teekanne mit Tülle) sehen wir auch noch ein seltenes Chamäleon. Ich wusste nicht, dass Chamäleons neben ihrer Farbe auch ihre Form komplett verändern können. Taucht ein potentieller Feind auf, machen sie sich flach und groß, etwa wie eine Flunder, die auf der Seite steht. Dass das ganze "Bild" nur etwa einen Zentimeter dick ist, weiß der Beobachter von vorne ja nicht... Dann kommt der Guide (er heißt Bebe, ja wirklich!) mit einer Rinde aus dem Wald, in der sich eine fette Kakerlake versteckt. Zu seiner Enttäuschung will ich kein Foto machen, honoriere aber natürlich seinen Fund. Das Highlight ist ein Tier, das aussieht wie ein kleiner Igel, aber mit dem Elefanten enger verwandt ist, als mit Igeln (der Interessierte bemühe bitte Wikipedia für den Rest!). Das Prachtstück ist klein (10 Zentimeter) und heißt Tenrek. Falls jemand mal an einer Quizshow teilnimmt... Der Park hat sogar eine Auffangstation für Lemuren. Allerdings nicht nur für verletzte Exemplare, sondern auch für die, die von Madagassen illegal als Haustier gehalten wurden. Wenn die Besitzer ihrer überdrüssig sind, können sie hier langsam wieder ausgewildert und in eine Gruppe integriert werden.
Danach heißt es leider schon langsam Abschied nehmen vom Südwesten. In Tuléar geht es zum kleinen Flughafen, vor dem wir ein paar Kofferträger beim Mittagsschlaf stören. Hier soll uns eine Propellermaschine nach Tana fliegen (tut sie auch, sogar pünktlich). In Tana wartet Asina, ein Studienkollege von Hery, der bis zum Rückflug als Fahrer und Guide in Tana dient. Sowohl Fortbewegung als auch das Finden von Dingen ist hier extrem schwer. Durch den anstehenden Unabhängigkeitstag ist die Stadt in Aufruhr und ein Durchkommen zur Rush Hour ist ohne guten Fahrer unmöglich. Der Smog hier steht in krassem Kontrast zur schönen Natur der letzten Wochen und man braucht ein bisschen, bis man sich daran gewöhnt. Asina kommt aus dem Süden der Insel und schleppt eine große Sporttasche mit sich herum. Darin befindet sich kiloweise Vanille in zahlreichen Qualitätsstufen, die er verkauft. Das Business muss definitiv laufen, denn ein Vakuumiergerät und Mengen an Wechselgeld hat er Gute auch (vielleicht kennt er ja auch die fragwürdige Geldwechselfreundin von Hery?). Zu Abend ess wir zur Abwechslung Indisch, danach falle ich nach einer Runde Koffer - Tetris (oder auch: wieso ist der Koffer schon wieder so schwer??) ins Bett.
Tag 20
Um Punkt sechs Uhr weckt mich die Tauben-Versammlung Antananarivos, die offensichtlich vor meinem Hotelfenster tagt. Ich hätte zwar noch ein bisschen bis zum Frühstück, nutze aber die Zeit für Packen (ja, immer noch) und die Vorbereitung, in meinem Koffer soll nämlich noch die ein oder andere Flasche madagassischer Rum Platz finden. Nach dem Frühstück steht noch eine letzte Runde Einkaufen an, durch die viele Zeit auf dem Land und in Nationalparks musste man den ein oder anderen Kauf auf Tana verschieben. Zum Beispiel noch mehr Vanille, der besagte Rum und noch einige Kleinigkeiten. Der Markt ist randvoll, halb Tana kauft für den Unabhängigkeitstag ein und man muss hart verhandeln. Der Fahrer ist beim Auffinden von Geschäften nur eine begrenzte Hilfe, mein Malgassy Vokabular findet er allerdings lustig (besonders beim Verhandeln). Auf jedem Quadratzentimeter wird etwas verkauft, egal ob Knoblauch in einem Musikgeschäft oder Autobatterien in einem Friseur. Asina macht sich danach in der Hotellobby breit und packt das Vakuumiergerät aus, da die feuchten Vanilleschoten im Gegensatz zu den trockenen Exemplaren sehr gut verschlossen sein müssen. Mittags geht es auch schon zum Flughafen, unterwegs wird noch der Rum gekauft! Unter den misstrauischen Blicken zahlreicher Menschen packe ich das kostbare Gut vor dem Flughafen ein und hoffe, dass mir niemand Alkoholismus unterstellt.
Nachmittags geht es nach Addis Abeba, ich bin beglückt, da ich eine ganze Notausgangsreihe für mich alleine habe. Von dort fliege ich über die Nacht nach Frankfurt weiter. So finden drei Wochen pure Exotik (aus westeuropäischer Sicht) ihr Ende (hoffentlich ein pünktliches Ende -> Deutsche Bahn!). Es kommt mir viel länger vor, Madagaskar war so vielseitig, dass man gefühlt in mehreren Ländern war. Ich glaube, ich war das erste Mal (Sahara ausgenommen) an einem Ort auf der Welt, wo noch fast keine Digitalisierung eingezogen ist (auf dem Land). Und an einem Ort, an dem Kinder noch nie hellhäutige Menschen gesehen haben. Und an einem Ort mit solcher Artenvielfalt. Der Grad zwischen der Romantisierung von Armut in ländlichen Gegenden und schlechten Lebensbedingungen ist sehr schmal, das weiß ich. Trotzdem hat mich das einfache Leben dort sehr berührt. Ich habe mich fast jedes Mal gefragt: Was wäre gewesen, wenn ich hier geboren worden wäre?
Von tollen Stränden bis hin zu den wunderbaren Lemuren, Chamäleons und Nationalparks war Madagaskar mehr als erfüllend und erfrischend für den Geist. Vor allem, weil der Tourismus noch in den Kinderschuhen steckt. Also an alle, die liebäugelt: tut es!
Ich vermisse die Ananas zum Mittagessen jetzt schon.
Hier unten geht es mit der Azerbaijan Reise weiter!
Azerbaijan
Eine Woche unterwegs zwischen Tradition und Moderne
Tag 1
Der Tag beginnt zu unchristlichen Zeiten (3 Uhr) mit der Fahrt zum Flughafen, denn der Flieger nach Istanbul startet um 7 Uhr. In der ewigen Check In Schlange ist für Müdigkeit aber kein Platz, denn die heutige Flugverbindung ist knapp getaktet. Vom Check In geht es direkt zum Boarding und in Istanbul habe ich weniger als eine Stunde Zeit zum Umsteigen. Ich habe nicht so ganz daran geglaubt, aber tatsächlich bekomme ich den Flug und lande am späten Nachmittag in Baku, Azerbaijan. Wenn man den Landeanflug beurteilt, sieht das Land von oben wie Wüste aus. Das Kaspische Meer, das Azerbaijan an der Ostseite komplett umrandet, sehe ich das erste Mal und freue mich beim Landeanflug sehr. Baku ist eine Großstadt auf einer Art Halbinsel, die aber beim Näherkommendurchaus Grün aussieht. Morgen nach der Stadterkundung mehr! Hinter zahlreichen Familienbesuchern mit riesigen Spielzeugkartons und Gucci Schminktaschen quetsche ich mich aus dem Flugzeug und durch die Immigration. Ebenfalls zum ersten Mal sehe ich, dass deutlich mehr Touristen als Einheimische einreisen und nehme mir vor, die Einwohnerzahl Azerbaijans in Erfahrung zu bringen: es sind ein bisschen mehr als 10 Millionen (2022). Der Dame an der Visakontrolle lächle ich ultimativ nett zu (was, wenn mit meinem Visum doch etwas nicht stimmt?), bekomme aber sofort meinen Stempel und eile zum Gepäck. Auch hier passiert etwas, was mir noch nie passiert ist: das Gepäckband steht still und alle Koffer, die noch übrig sind, stehen daneben auf einem Haufen (???). Meine Verwirrung ist unendlich, ich will meinen Guide Ismail draußen aber nicht warten lassen und bin eher erleichtert, alle Sachen vollzählig zu wissen. Ich habe mich im Geiste schon bei Lost&Found stehen sehen, als das Gepäckband stehen blieb...
Ismail fährt mich zum Hotel und ich checke bei den zwei Samirs ein. Beide haben den gleichen Vornamen und einer spricht sogar ein bisschen Deutsch! Er wollte als Gastarbeiter nach Deutschland, ihm wurde dann aber davon abgeraten. Die beiden suchen mir ein extra schönes Zimmer aus nachdem wir herausgefunden haben, dass der Sohn des einen Samirs (der nicht Deutsch sprechende) fast so heißt, wie ich mit zweitem Vornamen: Renat. Das beschert mir einen Bonus und ich beziehe ein riesiges Zimmer im 7. Stock. Alle meine Versuche, den Koffer (nur 14 kg - diese Reise vielleicht mal kein Übergepäck?) alleine aufs Zimmer zu bringen, scheitern und ich füge mich dem Servicegedanken der Samirs. Bevor es Dunkel wird gehe ich mir noch die Beine vertreten und lande in einem Park, bis mich der Hunger umtreibt und ich einen Supermarkt sichte. Zum Abendessen gibt es Äpfel und einen Börek mit Pilzfüllung, auf dem Rückweg beginnt der Muezzin zu rufen. Man mag mich für verrückt halten, aber bei einem schönen Gebetsruf, dem Sonnenuntergang und dem fast schon vollen Mond am Himmel geht mir das Herz auf.
Alt werde ich heute nicht mehr, schließlich bin ich seit 18 Stunden auf den Beinen. Morgen erkunden wir Baku, das schon in seiner Skyline zu sagen scheint: Hier treffen Welten aufeinander. Bis morgen!
Tag 2
Mein Tag beginnt auf der Dachterrasse beim Frühstück, nebenbei hat man ein herrlichen Blick auf die Skyline von Baku. Hier treffe ich Sabine und Ronald, mit denen ich auch schon im Libanon und in Usbekistan sowie in Kirgistan gereist bin. Um neun geht es los und die Stadt wird erkundet und das beginnt erst mal mit einem Deepdive in die Sowjetgeschichte. Ismail zeigt uns einen Park, in dem sowohl gefallene Soldaten als auch erschossene Gorbatschow Gegner begraben liegen. Ihnen ist ein wunderschönes, großes Monument gewidmet, in deren Mitte eine riesige Flamme brennt. Von dort hat man einen Blick über die komplette Skyline von Baku und das kaspische Meer, das eigentlich genau genommen der größte See der Welt ist. Wir fahren weiter in die Innenstadt, wo noch großer Trubel durch das gestrige Formel 1 Rennen ist, zahlreiche Straßen sind gesperrt, überall stehen Tribünen und überall wird abgebaut. Auf den Verkehr hat das keine sehr förderliche Wirkung, deswegen laufen wir und erkunden Bakus Altstadt. Plötzlich steht man noch mitten in einer schicken Straße, die auch in Paris sein könnte (angeblich wird Baku auch das Paris des Südkaukasus genannt!) und wenig später steht man in einer Seidenstraßen-geprägten Altstadt voller Kuppeln, Minarette und Torbögen, die einen krassen Gegensatz zu den Hochhäusern der Skyline bietet. Wir besichtigen den Shirvanshar Palast, die Shirvanshars (shir=Löwe, van=Ort) stellten hier drei Schahs (nicht so wie im Iran, eher Kommunalherrscher) in der Geschichte und haben sich sehr schön eingerichtet (den goldenen Thron haben sich aber die Russen für ihr Museum geholt). Nach dem Palast spazieren wir noch eine Runde vorbei an alten Hammams und vielen ehemaligen Moscheen (es gab 28 in Baku, das Land ist zu 99% muslimisch) bis es Mittagessen gibt (Lamm mit Kartoffeln und Gemüse - sehr fein!).
Nachmittags planen Sabine und ich einen Besuch im Hammam, da aber der Verkehr noch so Formel 1 gestört ist, gibt es kein Durchkommen. Deswegen entscheiden wir uns für das Hotel Hammam, im Folgenden eine detaillierte Schilderung eines denkwürdigen Hammambesuches. Das Spektakel beginnt mit einer 110 Grad Sauna und einem Azeri - Saunameister, der drei Mal so breit wie ich ist und mit Tanktop, Sporthose und Silberkette eher aussieht wie ein Ringer. Er setzt uns tatsächlich Saunahüte auf (was bringen die eigentlich?) und macht einen Aufguss. Eine Minute später betritt er die Sauna erneut mit einem Esslöffel, auf dem Menthol-Flüssigkeit brennt. Sobald das Feuer erloschen ist, hält er ihn uns vor die Nase und wir inhalieren verdampfendes Menthol. Als wäre das nicht skurril genug kommt der Ringer als nächstes mit seinem Kumpel und reibt uns mit Eis ein, dann folgen Schläge mit einer Art Reisigbündel. Danach werden wir hinausgeleitet und bekommen einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf, bevor es ins Türkische Bad auf die Liege geht. Der Ringer knackt meinen Rücken und Nacken so dermaßen, dass ich mittelschwere Angst um meine Gelenke bekomme. Vielleicht ist er wirklich Ringer, Kraft hat er definitiv. Dann kommt noch mehr Eis, gleichzeitig ein heißes Handtuch und ich werde in den nächsten Raum zum Peeling gebracht. Der nächste Azeri packt einen Peelinghandschuh aus, auf dem Logos von Automarken abgedruckt sind, was mich so sehr belustigt, dass ich gar nicht mitbekomme, wie mein Körper mehrere Hautschichten ärmer gemacht wird. Aber: so zärtlich habe noch nicht mal ich selber mein Gesicht gepeelt... Nach dem Peeling gibt es einen Tee, dann schicken der Ringer und seine Freunde uns zur Massage. Eine wunderbare Stunde knetet mich eine Frau (ausnahmsweise mal) durch, danach sind wir tiefenentspannt und denken, es ist vorbei. Ist es aber nicht! Der Ringer steckt uns ins Dampfbad, wo wir wieder mit Wasser übergossen und mit Eis geschrubbt werden, bevor nochmal gepeelt wird (meine Haut war noch nie so weich wie jetzt gerade!) und wir mit einer Kernseife von Kopf bis Fuß eingeseift werden. Nach 5 Eimern Wasser ist dann wieder Tee angesagt, ein Fußbad gibt es parallel noch. Sogar die nassen Haare werden in einen Turban gewickelt und zum dritten Mal alle Handtücher getauscht (die Wäscherei muss hier billig sein). Der Freund des Ringer verlädt die nassen Handtücher übrigens in einen Einkaufswagen vom Supermarkt zwei Blocks die Straße rauf...
Nach über zwei Stunden fühle ich mich absolut grundgereinigt und bin todmüde, aber sehr zufrieden. Sabine sitzt mit ihrem Turban wie die Königin von Saba vor mir und darf sogar im Spabereich rauchen, der Ringer hat sich mittlerweile seines Tanktops entledigt und stolziert auf und ab. Mich beeindruckt er nicht, dafür aber Sabine (50% Quote sind ja auch nicht übel). Für den ganzen Nachmittag zahlen wir übrigens umgerechnet 35€. Sagenhaft und skurril!
Für das Erholen muss die Nacht aber reichen, nach einem kurzen Ausflug zum Essen schaffe ich es gerade noch, eine Aquarellkarte zu malen, da ich morgen Abend bei Ismail zum Essen eingeladen bin. Dann falle ich todmüde ins Bett und hoffe, dass ich nicht vom Ringer träume.
Tag 3
Der Tag beginnt mit einem reichhaltigen Frühstück (Obst, Joghurt, Reispudding, Gemüse, Bohnen, Schafskäse), danach fahren wir mit Ismail das erste Mal aus Baku heraus. Es geht zum Yanar Dagh, einem brennenden Hügel inmitten eines Ölfeldes. Geschäftstüchtige Azerbaijaner haben um diese Stelle, aus der Gas austritt und die daher immer brennt, ein Museum gebaut und kassieren Eintritt. Ronald vermutet eine versteckte Gasleitung im Gestein, ich bin mir nicht so ganz sicher, wem wir das wärmende Spektakel zu verdanken haben haben. Als nächstes geht es zu einem Freilichtmuseum und einem ehemaligen Feuertempel der Zoroastrier. Da ich vermute, dass sich hier wenige Leser an die Iranreise 2018 erinneren (völlig zurecht) lasse ich mich nochmal zu einer Erklärung des Zoroastrismus hinreißen, einfach weil ich die Religion unfassbar interessant finde. Zoroastrier beten zum Gott des Lichts, Ahura Mazda genannt, daher zentriert sich ihr Gebet um das Feuer. Dieses wird in Tempeln von Priester immer am Brennen gehalten und darf nicht verunreinigt werden, daher tragen die Priester Handschuhe und spezielle Kleidung. Ihre heilige Schrift heißt Avesta (=Wissen). Zoroastrier leben im Iran, in Indien und in Bangladesch, dort werden sie aber Parsen genannt. Ihre Toten bestatten sie auf sogenannten "Türmen des Schweigens", da sie den Boden als unrein betrachten. Auf den Türmen werden die Toten von den Vögeln gefressen. Welches Körperteil die Vögel zuerst fressen lässt Rückschlüsse auf das Leben des Toten im Jenseits schließen, daher muss irgendein armer Mensch mit auf dem Turm sitzen und das Spektakel beobachten. Diese Art der Bestattung ist im Iran schon länger verboten (es fallen nun mal Menschenstücke vom Himmel), in anderen Teilen Zentralasiens ist es noch erlaubt. Zoroastrier kann man nur durch zoroastrische Eltern werden, ein prominentes Beispiel war der Mann von Indira Ghandi oder Freddy Mercury. Letztere hat diesen Tempel hier in Azerbaijan übrigens mit ihrem Mann besucht. Früher lebten viele Zoroastrier hier in Azerbaijan, viele weitere kamen mit Karawane hier an. Daher wurde um den hiesigen Tempel eine Karawanserei erbaut. Überall springen indische Touristen herum (Parsen), allerdings ist der Tempel nicht mehr aktiv. Das Feuer brennt nur zu Darstellungszwecken und durch eine Gasleitung (Ronald hat sie entdeckt, ich habe sie nur gerochen...).
Nach dem Tempel steht der Höhepunkt des Tages an, nämlich das Heydar Aliyev Center in Baku. Entworfen von der britisch-iranischen Architektin Zaha Hadid ahmt es die Form einer unendlich verschlungenen Welle ohne Anfang und Ende nach. Innen ist das Ganze ein Museum für den Vater des heutigen Präsidenten und azerbaijanische Geschichte. Mich bezaubernd die verschlungene Treppe, die man kaum als solche erkennt und auf der man sich tatsächlich aufgrund der Baustoffe wie auf einer Welle fühlt (nüchtern!), dann schlendere ich in eine kleine Teppichsammlung und sehe glaube ich ein paar der schönsten Teppiche meines Lebens. Sie sind zwar nicht alt, aber unfassbar aufwändig und prächtig. Weniger edel als persische Teppiche, aber dafür moderner im Muster. Bunte Blumen und Granatäpfel zieren Jagdszenen und Ornamente. Einer ist größer als der andere und ich könnte hier Stunden verbringen. Es ruft aber die Einladung bei Ismail, dafür muss nämlich gut 90 Minuten Taxi gefahren werden, da er nicht in Baku wohnt. Seine Eltern, seine Frau und seine zwei Söhne empfangen uns etwa 30 km von der Hauptstadt entfernt mit einem belandenen Tisch, den im Leben niemand leer essen kann. Es gibt russischen Mimosasalat und danach Pilav (Plov). Beides ist fantastisch, zum Nachtisch folgen Tee, eingelegte Maulbeeren und eingelegte Walnüsse (muss man einlegen, wenn sie noch grün und ohne Schale sind, schmeckt wild). Ich habe das Gefühl, nie wieder in meinem Leben auch nur ein Gramm Zucker essen zu können, trotzdem wird alles probiert. Ismails Mutter wurde damals aus Armenien deportiert, sein Vater kommt von hier. Wir verständigen uns über Ismail, denn um mit Azerbaijanern zu sprechen, ist Russisch oder Türkisch notwendig. Farsi hilft zur Not auch in vielen Lagen weiter, da die Sprache Azeri wie Türkisch mit Persisch und Arabisch gemischt ist. Nach einer nächtlichen Taxifahrt falle ich dann trotz absolutem Zuckerschock ins Bett.
Tag 4
Heute Wache ich so gesättigt auf, dass ich lediglich einen Apfel frühstücke (wer mich kennt weiß, dass das bedenklich ist), bevor wir in Richtung Gobustan Nationalpark fahren. Dafür geht es mitten durch die Stadt und vorbei an diversen Öl - und Gasfeldern. Wer hier in seinem Garten oder Hof Öl findet, bekommt direkt einen Batzen Geld der hiesigen Ölfirma (Sochar) und darf/ muss dann umziehen, bevor der Garten zur Förderanlage wird. So sind viele Azerbaijaner zu Geld gekommen und haben sich baulich in Baku verwirklicht (alles von Puppentheater bis Casino).
Der Gobustan (Gobu=Schlucht, Stan=Land) Nationalpark besteht aus mehreren Teilen, zuerst geht es in ein riesiges Areal mit Felszeichnungen. Von Ochsen über Boote bis hin zu Jagdszenen ist alles dabei, man hat von dem Plateau einen herrlichen Blick über die azerbaijanische Wüste bis zum Kaspischen Meer. Nach den Felszeichnungen steigen wir in einen Lada, der mit Sicherheit VIEL älter als ich ist und brettern mit einem schnurrbärtigen Fahrer über einige Pisten zu den Schlammvulkanen. Auf der Fahrt zeigt er seine Sammlung an ausländischen Geldscheinen und trägt auf Russisch dazu vor, Ronald erbarmt sich aber keiner Unterhaltung, da er mit Festhalten beschäftigt ist. Gebremst wird nämlich während dieser Demonstration nicht.
Die Schlammvulkane entstehen unter anderem durch die Öl - und Gasvorkommen und Methan, es gibt 300 davon in Azerbaijan. Das ist ein Drittel des weltweiten "Bestandes". Sie sind unterschiedlich groß und blubbern vor sich hin. Der Schlamm soll gut für die Haut sein, daher stecke ich motiviert meinen Kopf in die kleinen Krater und habe blindes Vertrauen, dass nichts größeres an Schlamm ausbricht und mich trifft. Ich werde erhört und wir klappern mit dem Lada unbeschadet zurück (sowohl das Auto als auch ich). Randbemerkung: als ich die Vulkane google, um hier keinen Mist zu schreiben, lese ich, dass auf Gas und Feuer ausbrechen kann, Ende der 90er gab es 600 Meter hohe Stichflammen. Also vielleicht besser nicht den Kopf reinstecken. Randbemerkung Ende.
Als nächstes steht ein Zwischenstopp in einer Moschee auf dem Plan, dann das Teppichmuseum in Baku. Von außen sieht es aus wie ein gerollter Teppich (Googeln lohnt sich, ich habe leider kein gutes Bild von außen) und reiht sich so in die kunstvollen Bauwerke der Skyline Bakus ein. Innen lagern azerbaijanische Teppiche aus allen Jahrhunderten. Die Grundfarbe Rot hält sich überall, da rote (und blaue) Pigmente am schwersten zu gewinnen waren und damit großen Wert hatten. Mittlerweile gibt es ja bekanntlich alle Farbmischungen, traditionell sind diese dann aber nicht mehr. Nach dem Museum spaziere ich am Wasser entlang und durch die Innenstadt bis zum Hotel zurück, wo mich die beiden Samirs von Tag 1 freudestrahlend begrüßen. Sie haben gesehen, wie ich für eine gemalte Aquarellkarte einen Umschlag geholt habe und wollen nun auch eine Karte haben. Sie sind übrigens beide echte Azerbaijaner, Gastarbeiter gibt's hier kaum. Die meisten Immigranten nutzen das Land nur als Transit auf dem Weg in westlichere Länder.
Abends gibt es traditionelle azerbaijanische Küche in einem Restaurant in die Ecke, das man nach zahlreichen lebensgefährlichen Straßenüberquerungen erreicht: Lamm, eingelegtes Gemüse, Kartoffeln, und eine Art gefüllte Pfannkuchen (gefaltet, nicht gerollt) mit Fleisch- und Kürbisfüllung. Die Kürbisfüllung ist sogar mit Granatapfelkernen verfeinert und wunderbar süß, es könnte fast ein Dessert sein. Den zuckersüßen Maulbeersaft lasse ich heute sein, es muss auch mal wieder einen Tag ohne Zucker geben...
Tag 5
Heute gibt es wieder Frühstück und der Tag kann in Ruhe und Frieden mit einer langen Autofahrt ins Landesinnere starten. Sobald man Baku hinter sich lässt wird das Landschaftsbild schwer sowjetisch und erinnert mich an Kirgisistan. Steinbungalows mit Blechdächern stehen inmitten von kleinen Landwirtschaftsbetrieben in der Landschaft, ab und an folgt ein Abschnitt mit Wüste und man fühlt sich, als würde man über den Rücken eines Elefanten fahren. Alles ist dort karg, weiter im Land wird es so grün wie in Deutschland. Die Stadt Gabala ist zum Beispiel ein Naherholungsgebiet für reiche Golfstaatler, die hier relaxen oder Ski fahren. Am Horizont kommen die Berge näher und wir machen einen Stopp an einem Supermarkt, wo es einen Becher schwarzen Tee gibt. Danach steht ein Besuch des Dorfes Nij an. Dort leben Udinen, eine christliche Religionsgemeinschaft orthodoxer Ausprägung. Ismail sagt, Udinen gibt es nur hier, es sind auch nicht viele. Sie haben hier eine sehr alte Kirche, die tatsächlich von den Norwegern restauriert wurde. Warum? Weil der Forscher Thor Heyerdahl hier in Azerbaidjan damals geforscht hat und nach den Funden in Gobustan (gestern) die These aufstellte, die Skandinavier könnten ursprünglich von hier kommen. Deswegen steckt Norwegen hier viel Energie in christliche Gemeinschaften, die historischen Wert haben. Rund um die Kirche ist ein Obstgarten und Ismail schüttelt ein paar Bäume, um mir Äpfel zu beschaffen. Sogar ein Kakibaum wächst hier! Nach China ist Azerbaijan der größte Kakiproduzent. Frische Haselnüsse gibt es im Garten auch, der Besuch und das Gelage werden feierlich durch einen Schluck aus Sabines Flachmann beendet. Ismail sieht uns mit großen Augen an, der Kirchenwärter nicht.
Weiter geht es ins Dorf Kish. Hier sind wir nur noch etwa 20 Kilometer von der russischen Grenze entfernt und mitten in den nebelverhangenen Bergen. Hier steht die älteste Kirche des Landes und angeblich auch aus dem ganzen, die Restaurierung wurde ebenfalls von Norwegen finanziert. Sie soll noch älter sein als die christlichen Funde im Nachbarland Armenien und wird von einem gewissenhaften Polizisten bewacht. In einem ebenfalls wunderschönen Garten wachsen bunte Blumen und riesige Quittenbäume, Ismail findet auch hier wieder einen Apfelbaum und steigt todesmutig für mich hinauf. Dann sucht er zusammen mit dem Polizisten zwei Schildkröten, die hier sonst leben (meiner Meinung nach müssen die bei den hiesigen Temperaturen schon längst erfroren sein, hier in den Bergen ist es nämlich wirklich frisch). Die kleinen Steingässchen von Kish sind malerisch. Ich bekomme zahlreiche Videos von Bären gezeigt, die hier irgendwo wohnen sollen und schwanke innerlich, ob ich einem begegnen will...
Auf der Fahrt zum Tagesziel Sheki sieht man immer wieder Portraits von Martyrern am Straßenrand. Das kenne ich bisher nur aus dem Iran und wird hier fast gleich gehandhabt. Die jungen Männer sind in Bergkarabach (oder russisch Nagorno Karabakh) in den vielen Jahren des Konfliktes gefallen. Bergkarabach liegt quasi mitten im Land und stellt den Konflikt mit Armenien omnipräsent dar. Tatsächlich leben sogar etwa 30000 Armenier hier in Azerbaijan, meist sind das aber Menschen, die in Armenien keine Familie mehr haben oder schon hier geboren sind. Die meisten von ihnen haben azerbaijanische Namen angenommen. Der Konflikt selbst würde hier jeden Rahmen sprengen, man kann aber so viel sagen: er ist von Großmächten definitiv gewollt und die Abhängigkeiten von ebendiesen sind gigantisch. Zudem spielt die "Seidenstraße 2.0" der Chinesen eine riesige Rolle. Azerbaijan hat auch noch eine Exklave, die zwischen Iran und Armenien eingequetscht liegt. Sie heißt Nakhchivan. Durch diese Exklave ergibt sich eine 11 Kilometer lange Grenze mit der Türkei, die für die Azerbaijaner sehr wichtig ist. Der heutige Tag hat definitiv einen geopolitischen Fokus, meine vielen Fragen an Ismail muss ich aber manchmal im Zaum halten, falls wir nicht so alleine sind, wie wir vielleicht denken. Am frühen Abend gibt es Abendessen in Sheki. Suppe mit viel Sumach und Lammfleisch, gegessen wird das Ganze wie das iranische Abgusht. Erst die Suppe abgießen und mit Brot verzehren. Dann wird das Fleisch, das in der Suppe mit weichgekocht wurde mit der Gabel kleingedrückt und mit Brot gegessen. Dazu gibt es Gurken, Schafskäse, Quark und zum Nachtisch Baklava. Mein Favorit ist aber wie bei jedem Essen bisher das eingelegte Gemüse (Sabine und Ronald haben mich schon offiziell für verrückt erklärt). Dann geht es nach dem obligatorischen Schwarzetee in eine hoffentlich warme Dusche und ins Bettchen. Auf meinem Schreibtisch entdeckte ich einen Flyer mit Werbung für Massagen im Hotel Spa, mal schauen, ob ich Sabine ein Ringer-Revival vorschlage...
Tag 6
Bei kuscheligen 13 Grad wache ich auf und finde erfreulicherweise Grießbrei am Frühstücksbuffet vor. Weiß Gott, wie lange ich das nicht mehr gegessen habe! Nachdem um 11 Uhr nachts alle Straßenhunde der Umgebung gleichzeitig gebellt haben (ich habe Sabine dazu befragt, sie schwört aber, nur auf ihrem Balkon geraucht zu haben), macht mich starker Schwarztee wieder wach. Danach fahren wir mit Ismail nach Sheki, zuerst in ein eine Seidenwerkstatt, mein Bedarf an Schals und allem anderen wurde allerdings bereits in Pakistan gedeckt. Als nächstes besichtigen wir den Khan Palast, er diente einem Khan (vergleichbar Fürst/ Herzog) als Sommerresidenz. Die Fassade ist kunstvoll bemalt und geschnitzt, das ist allerdings kein Vergleich zu innen. Jeder Zentimeter der Räume ist mit feinen Miniaturen bemalt. Alles von Blumen bis hin zu Jagdszenen ziert kleine Nischen, die Decke und die Türen, gegenüber leuchtet die Sonne durch kunstvolle Intarsienfenster. Leider darf man drinnen nicht fotografieren, was dazu verleiten soll, Postkarten zu erwerben (hat funktioniert, ich hab sie gekauft). Früher kam das Glas der Fenster aus Murano, heute in den neuen und restaurierten Fenstern stammt es aus Russland. Der Palast hat zwei Stockwerke und ein Raum toppt den anderen. Ich glaube, ich habe noch nie so aufwändige Innenmalereien gesehen! Das Ganze dauerte übrigens 8 Jahre (nur das Malen!). Symbolträchtig ist es auch noch: ein Löwe symbolisiert die Macht des Khans, er steht auf einem Fisch. Das symbolisiert, dass die Macht nicht selbstverständlich ist und auch wieder schwinden kann. Daneben ranken sich Blumen statt Flammen aus dem Maul eines Drachen und an der Decke spielen Wölfe mit anderen Tieren, um friedliches Zusammenleben im Khanat zu symbolisieren. Immer wieder dominiert der Granatapfel die Szenen, er steht als "König der Früchte" oder göttliche Frucht für Stärke, Fruchtbarkeit und Göttlichkeit. Das betrifft allerdings nicht nur Azerbaijan sondern generell islamische Kunst und viele weitere Kultur- und Glaubenskreise im Nahen/ Mittleren Osten. Nach dem Rundgang werde ich ein paar Azerbaijanische Manat (AZN) im Shop los und lobe auf persisch den Palast, um Rabatt zu bekommen (hat funktioniert 30 AZN/15€ weniger). Rechenhilfe brauche ich ausnahmsweise nicht, denn man muss nur grob durch zwei teilen (genaugenommen durch 1,8 sagt Ronald). Sheki hat eine uralte Innenstadt, wir besichtigen noch eine Karawanserei und besuchen eine Werkstatt, in der die kunstvollen Glasfenster hergestellt werden. Das Ganze ist hochmathematisch (also nichts für mich) und besteht aus akkuratem Glas - und Holzschneiden. Ich darf an einem aktuellen Werkstück testen, wie es gemacht wird. Holzstäbe und Glas werde abwechselnd nebeneinandergesteckt und geschoben, je fragile das Muster, desto schwieriger wird es.
Mittags sind wir bei Ilham eingeladen. Seinem Sohn gehört die Reiseagentur, über die ich gebucht habe und er lädt gerne (deutsche) Reisende zum Tee ein. Tee ist allerdings untertrieben, der Tisch ist voll mit Konfitüre, Obst aus Ilhams Garten, Süßigkeiten, Nüssen und vielem mehr. Er hat selbst lange in Baku als Ingenieur gearbeitet und trägt heute, völlig herausgeputzt, einen seiner ehemaligen Anzüge. Und ich bekomme zum ersten Mal in meinem Leben einen Handkuss! Nach ein paar Stunden Tee und Schnaps bekomme ich noch einen Strauß Blumen, einen Granatapfel aus seinem Garten und eine Einladung für meine nächste Reise nach Azerbaijan (oder für Freunde und Verwandte, falls jemand will!). Und natürlich einen Abschieds-Handkuss. Als nächstes steht der Abschied von Ismail an, denn er muss heute zurück nach Baku und wir bekommen für die letzten Tage einen neuen Guide. Ismail schenkt mir zum Abschied einen Anhänger mit einer AK47 für meinen Schlüsselbund (mag am Beruf liegen), der zwar skurril ist und mit bestimmt einige fragwürdige Kommentare einbringen wird, mir aber dennoch etwas bedeutet. Dazu gibt es noch drei ausgewählte Azerbaijan Magnete (die Magnetsammler unter den Lesern mögen sich bei mir melden, mir reicht nämlich einer und für die Schublade sind sie zu schade!).
Nachmittags im Hotel bewahrheitet sich meine gestrige Vermutung, denn mit einem Ohr höre ich auf der Treppe, wie Sabine uns die Sauna reserviert! Es gibt also Runde zwei des Azeri-Spa-Erlebnisses, leider ohne den Ringer. Dafür finde ich aber Saunahüte im Schrank! Die Sauna ist bereits vorgeheizt, hier gibt es zwar kein Spa drum herum, dafür aber viel Ruhe und Frieden. Statt dem Ringer gesellt sich dann Ronald mit dazu, meine Fragen, ob das den Ringer würdig ersetzt, werden nur mit einem drohenden Blick von beiden quittiert...
Drei Saunagänge später gibt es Abendessen. Heute bin ich besonders begeistert, denn nach einer leckeren Hühnersuppe gibt es Ashplov. Plov (oder Pilav) dürfte allgemein bekannt sein, das ist der Reis mit Rosinen, Kichererbsen, Fleisch und Gemüse, der geschichtet gekocht und dann gestürzt wird. Hier ist das ganze allerdings in einer Art dünnem Teig, es sieht aus wie eine gigantische Pastete. Der Unterschied zu russischem oder usbekischen Plov ist die Füllung. Hier ist es weniger herzhaft, sondern eher süß. Zum Lammfleisch gesellen sich Rosinen, Kastanien, Aprikosen und noch mehr Obst, das ganze eingebettet in goldgelben Safranreis. Es schmeckt fantastisch, nicht mal der große Obstteller zum Nachtisch kann mich vom Nachschlag abhalten. Danach ruft nur noch das Bett und der Koffer, der vor der Weiterreise aufgeräumt werden will...
Tag 7
Heute fahren wir weiter in Richtung Westen, zuerst in den Göygöl Nationalpark. Hier sieht es, abgesehen von den azerbaijanischen Touristen, erst mal sehr deutsch aus (abgesehen vom "Vorsicht Bären!"-Schild). Wald, See, Hotels... wenn man aber weiß, dass man hier nur ungefähr 20 km von Bergkarabach entfernt steht, wird es interessanter. Die Gefallenenportraits zieren hier gefühlt jede Straße, der Konflikt ist wesentlich präsenter als in Baku. Göygöl bedeutet so viel wie "blaues Wasser", dem macht der See alle Ehre. Das Highlight ist aber der Ort Göygöl, das frühere Helenendorf. Hier wurden 1818 schwäbische Siedler angesiedelt, die der Armut und den Wirren der Napoleonischen Kriege entkommen wollten. 153 Familien machten sich zu Fuß auf den beschwerlichen Weg in den Südkaukasus, der damalige Zar Alexander I. bot ihnen ein gutes Leben und gewisse Autonomie, wenn sie diesen Teil seines Reiches besiedeln würden. Hierfür musste man allerdings einen bestimmten Grundbesitz und Können in einem Handwerk vorweisen. So entstand die Siedlung Helenendorf und neben ihr Georgsfeld, Annenfeld sowie Traubenfeld. Die Siedler waren fleißig, scheiterte aber an vielen Dingen, zum Beispiel an der Seidenzucht. Dafür brannten sie aber Alkohol und brauten Bier, das bis heute eine eigene Marke hier ist (Annenfeld). Bis heute gibt es hier also schwäbische Nachkommen, die Deutschland allerdings nie gesehen haben. Die Häuser sind mit Holz verkleidet, haben teils fein geschnitzte Balkone. Deutschland erkennt man aber nur an einigen wenigen Straßenschildern und Inschriften. Und eine deutsche Kirche gibt es, in der mittlerweile ein kleines Museum für die deutsche Vergangenheit existiert. 1843 lebten hier 609 Menschen, 1912 war Helenendorf das erste Dorf im Südkaukasus mit Strom, wenig später mit Telefonnetz. Auch der Weinanbau war ein lukratives Geschäft und ist es bis heute. Als Azerbaijan allerdings dann Teil der Sowjetunion wurde, folgte die Enteignung der Dorfbewohner. Viele wurden deportiert, einige wenige kehrten danach nach Deutschland zurück.
Nach diesem besonderen Ort geht es weiter nach Ganja. Ganja, hier übrigens "Gəncə" geschrieben, ist die zweitgrößte Stadt in Azerbaijans und Geburtsort des berühmten Dichters Nizami. Er dichtete damals auf persisch und wird daher auch gerne vom Iran als Kulturgut akquiriert. Das hält allerdings unseren neuen Guide Akif nicht davon ab, lauthals Gedichte zu rezitieren. Man bemerke aber, dass vor dem Nizami Gedicht Hermann Hesse vorgetragen wurde, also ist die Abwechslung nicht so übel. Dass Akif deutsche Literatur liebt, muss ich wohl nicht mehr ausführen....
In Ganja erwartet uns der Sheikh Bahaddin Architekturkomplex, der ein Hammam und eine Moschee umfasst. Das Hammam ist noch in Betrieb und wunderschön, leider aber nur für Männer (der Rezeptionist erntet einen strafenden Blick von Sabine, Akif auch gleich mit, weil er die Hiobsbotschaft übersetzt). Das ist aber nicht so schlimm, morgen geht es nämlich zurück nach Baku zum Ringer. Nun ruft der Hunger und es gibt Dushbara zu Mittag, ein Gericht, dass in der arabischen sowie in der persischen und auch zentralasiatischen Küche in Abwandlungen existiert. Es handelt sich um eine Brühe mit Teigtaschen, in denen Hackfleisch ist. Gewürzt mit Kräften und Sumach ist es ein fantastisches, wenn auch sehr schweres Mittagessen. Danach brauche ich erst mal einen Spaziergang durch den Bazar, bevor es ins Hotel geht. Die Straßen sind voll mit Menschen (und Märtyrerpostern), verkauft wird alles vom Samowar über den Obst bis hin zu Wasserkochern und chinesischer Kleidung. Ich verzichte auf alles davon (mein Laster sind hier wirklich nur Museumsshops) und genehmige mir noch eine Dusche, bevor es Abendessen gibt und ich meine letzte vollständige Nacht in Azerbaijan verbringe.
Tag 8
Heute holt uns Ismails Freund aus Ganja ab und fährt uns zurück nach Baku. Ich bin sehr erstaunt, wie langsam und gesittet gefahren wird... Im Nachhinein erfahre ich, dass Ismail ihn darum gebeten hat. Das Inland ist bis auf den Norden und Bergkarabach wirklich komplett flach, stelle ich auf der Fahrt fest. Erst vor Baku kommen die Hügel, in denen der Gobustan Park samt Felsmalereien und die Vulkane liegen. Eine Tee- und Toilettenpause später kommt eine Polizeikontrolle, ich bin schon auf die "Wir sind liebe Touristen, bitte lassen Sie uns weiterfahren" Unterhaltung eingestellt und der Fahrer nimmt neben den Papieren zur Sicherheit noch ein bisschen Geld mit, als er aussteigt. Die Ankündigung, dass Deutsche im Auto (Mercedes übrigens) sitzen, muss wohl gewirkt haben, denn es geht ohne Polizeikontakt weiter bis nach Baku ins Hotel. Hier beginnt die erste Runde Koffertetris, bevor ich für heute Nacht ein paar Runden vorschlafe (genauso unchristlich wie wir Anreise). Bevor wir Ismail nochmal treffen zieht es mich nochmal in den Supermarkt, in dem ich gefährlich einen schaukelnden Turm aus Souvenirs und Flugverpflegung sowie Abendessen hin- und hertrage. Ich habe selten so eine Auswahl an Schwarztee gesehen wie hier...
Mit Ismail gibt es eine Runde Tee und wir lassen die Reise nochmal Revue passieren. Er sieht mit seinem Deuter Rucksack deutscher aus, als ich auf der gesamten Reise. Als ich ihn darauf anspreche erzählt er mir, dass er damals gern in Deutschland geblieben wäre, aber nun mal der einzige Sohn seiner Eltern ist. In Azerbaidjan zu bleiben ist daher eine Frage der Ehre, auch wenn er seine Kinder gerne so weit wie möglich vom Konfliktpotenzial der Region fernhalten würde. Er selbst hat als Sanitäter in Bergkarabach gedient, in Azerbaijan gibt es eine Wehrpflicht. Für Menschen mit Studienabschluss sind es 12 Monate, für alle anderen 15 Monate. Nach dem, was er mir von der Zeit in Bergkarabach erzählt, weiß ich seinen AK47 Schlüsselanhänger noch viel mehr zu schätzen. Nach einem durchaus traurigen Abschied von ihm muss ich auch schon Sabine und Ronald Tschüss sagen, denn wir fliegen alle mit unterschiedlichen Flügen zurück nach Deutschland (Sabine hatte übrigens noch einen Saunanachmittag mit dem Ringer, falls sich das jemand fragt).
Ich bringe im Dunkeln noch ein paar Postkarten weg und bin damit beschäftigt, mir auf den dunklen und löchrigen Gehwegen keinen Knöchel zu verstauchen, während ich durch das belebte Viertel laufe. Es werden noch Waschmaschinen auf der Straße repariert, Blumen verkauft und Straßenkatzen gestreichelt, am Hintergrund die beleuchtete Skyline mit den berühmten Flammentürmen (siehe Titelbild, nachts werden sie wie lodernde Flammen beleuchtet)!
Ich könnte mir durchaus vorstellen, wieder hier her zu kommen, dann vielleicht in einer Kombination mit Georgien und Armenien. Die Kontraste zwischen Metropole und der historischen Vergangenheit des Landes sind sehr, sehr reizvoll und laden dazu ein, noch wesentlich tiefer in die Geschichte einzutauchen, als man es in einer Woche tun kann. Im Helenendorf würde ich auch gerne noch mehr Zeit verbringen und den ein oder anderen Deutschen suchen!
Fest steht: Ich hatte Azerbaijan als Reiseland lange überhaupt nicht auf dem Schirm, es lohnt sich aber! Besonders, wenn man viel Zeit fürs Inland mitbringt. Oder für Natur, wandern kann man nämlich hier auch sehr schön (abgesehen von den Bären). Zum Schluss noch ein paar Worte des Dichters Nizami, die einen von jeder Wand und Ubahnstation in Ganja anstrahlten:
“What today we mistake for a padlock, keeping us out, we may tomorrow find to be the key that lets us in.” ~ Nizami Ganjavi